Das Nächtebuch

Splitter und Blechbeulen, aber kein Blut: Als wäre ein Toter gestorben. Der Mann lag mit der Brust auf der Kühlerhaube seines Mercedes, die Arme nach vorne gestreckt in einer Stellung, die mir, als ich später erfuhr, er sei bereits vor dem Unfall tot gewesen, wie die letzte Geste unterwürfiger Verehrung vor seinem Leitstern vorkam. That’s the way to go, sagen die Briten anerkennend dazu. Der von ihm nicht abgebrochene Scheibenwischer bewegte sich auch ohne Scheibe hin und her, so dass seine einzige Funktion nun darin bestand, seinem toten Herrn auf den Rücken zu klopfen. Während ich von der Straßenseite nach dem Mann griff, fasste ihn von der Bürgersteigseite vorsichtig eine Frau an. Wie wir beide vornübergebeugt dastanden, uns eine Sekunde lang durch einen Blick zu behutsamem Vorgehen verständigten, erhellte uns ein Blitzlicht: Zwei engelsgleiche Helfer, einem armen Sünder auf seinem Götzenaltar zur Seite stehend.

Meine Frau – ich liebte diese Formulierung mit dem archaisch-animalischen Besitzanspruch, besonders, wenn ich dabei ihren Körper sah – meine Frau also unterbrach das Geigenspiel und legte ihre Arme zur Begrüßung mit Instrument in der einen Hand, Bogen in der anderen, um meinen ausrasierten und frisch parfümierten Nacken.

„Du warst beim Frisör“, sagte sie und sog genussvoll den Duft ein, der für Clara gedacht und von Ljudmilla zuerst eingeatmet worden war.


In seinem heimlich verfassten Nächtebuch erzählt Hoffmann von Machern und Morden, von Liebe und Liaisons, von Treue und Trauer, und von einem Schatz, der ihm am Ende geblieben: seinem Wortschatz.

In einer neuen Romangattung führt Hartwig Eckert den Leser aus dem Reich der Macher in Hoffmanns Palast der Worte.

Altan Verlag: ISBN 978-3-930472-02-4

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