Das Nächtebuch – zum Inhalt

Warum lesen wir Romane?

Weil wir die aufregendsten Abenteuer im Kopf erleben.

In seinem heimlich verfassten Nächtebuch erzählt Hoffmann von Machern und Morden, von Liebe und Liaisons, von Treue und Trauer, und wie er aus dem Erlebten einen Wort-Schatz gewinnt und Einlass in den Palast der Worte findet. Hoffmann alias Henning Verba alias Henning Werber berichtet zuverlässig, und schafft sich darüber hinaus in seinem Nächtebuch alternative Welten. Denn zweidimensional ist die Welt derjenigen, die mit einer Wirklichkeit zufrieden sind. Die Illustration auf der Titelseite des Buches zeigt ein zweidimensionales Schaumgesicht auf der schwarzen Oberfläche des Wassers. Darunter beginnen Neugier, Phantasie und Literatur: Es beginnt das Nächtebuch, in dem er sich selber er-zählt, im Sinne von ‚sich selber erschafft‘.

In der Oper „Hoffmanns Erzählungen“ von Jean-Jacque Offenbach erzählt Hoffmann von den drei Frauen in seinem Leben: Der Künstlerin, der exotischen Kurtisane, und einer Frau als Automat. Im „Nächtebuch“ sind das: Werbers Frau (eine Violinistin), die durch ihre Zartheit Macht über ihn ausübt. Sie heißt Iris, weil er sie beschützen möchte wie das Teuerste in seinem Augapfel, und gerade darum gelingt es ihm paradoxerweise nicht. Eine exotische Frau mit Maffia-Verstrickungen, namens Ljudmilla. Sie will allen Gutes erweisen, da sie aber keine Grenzen zieht zwischen den Parteien, erreicht sie das Verderben aller. In E T A Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ kommt eine Frau als Automat vor, in den er sich verliebt. Aus diesem Roboter des 19. Jahrhunderts wird – in historischer Umkehrung – im „Nächtebuch“ eine Frau aus Fleisch und Blut, die allerdings zu 100% ideologisch ist. Ihre Ansichten sind daher vorhersagbar, sind programmiert. Sie heißt Clara, weil ihr alles klarer ist als allen andern, weswegen sie – paradoxerweise – an menschlichen Rätseln scheitert.

Am Ende von „Hoffmanns Erzählungen“ hat Hoffmann alles und alle verloren. Nur seine ständige Begleiterin, seine Muse, bleibt ihm treu. In Ermangelung einer echten Muse in der Irrenanstalt wählt Werber im „Nächtebuch“ Nachtschwester Sabine zu seiner Muse, die in ihrem Leben kein einziges Buch gelesen hat, und Werbers Nächtebuch lediglich als Unterlage für Tassen, Teller und Schnapsgläser verwendet, damit der Nachttisch nicht ‚schmuddelt‘.

Hören Sie nun drei Passagen aus dem Live-Mitschnitt der Buchvorstellung bei Bücher Rüffer. Der Sprecher ist Alexis Krüger, Sprechwissenschaftler, Sprechkünstler, und Universitätsdozent. Er hat die Hörbücher „Casanova“ und „Der Sandmann“ eingelesen, und ist bekannt durch zahlreiche Fernsehsendungen, u. a. als genialer Stimmengeber von Puppen.

Alexis Krüger beginnt in der ersten Audio-Datei damit, uns einen Einblick in die Werkstatt des Hörbuchlesers zu geben.

Hier eine Einführung in zwei von Alexis Krüger gelesene Passagen des „Nächtebuchs“ aus dem Live-Mitschnitt:

Werber hat sich mit Machern, mit Berufskriminellen eingelassen, und sich anschließend vor einem halben Jahrhundert nach einer Lebenskrise selber unter dem Namen Hoffmann in die Irrenanstalt eingewiesen als Mann ohne Gedächtnis. Der Klinikchef entdeckt ein halbes Jahrhundert später, dass Hoffmann ein Vermögen hat, an das er – vielleicht durch Entmündigung, vielleicht durch Erpressung – heran will. Er setzt eine Doktorandin auf ihn an, die unter wissenschaftlichem Vorwand Hoffmanns Vergangenheit aufdecken soll: