Altan Verlag

Über den
Verlag

Ein Altan ist eine erhöhte Plattform, die einen Blick über das Geschehen ringsum ermöglicht. Im Gegensatz zum Balkon ist diese Aussichtswarte mit der Erde verbunden. Das Bild ist daher gleichzeitig ein Mission Statement: Bücher mit gehobenem, aber nicht abgehobenem, Niveau für eine breite Leserschaft.

Wir eröffnen unsere Sachbuchreihe mit:

„Zielverführung. Wer für alles eine Lösung weiß, hat die Probleme nicht verstanden.“ Herausgegeben von Hartwig Eckert und Jose Julio Gonzalez

Die Belletristik-Reihe wird eröffnet mit:

„Hier wohne ich. Behauptete Balladen“ von Gottfried Bürger

Ein Altan ist eine erhöhte Plattform, die einen Blick über das Geschehen ringsum ermöglicht. Im Gegensatz zum Balkon ist diese Aussichtswarte mit der Erde verbunden. Das Bild ist daher gleichzeitig ein Mission Statement: Bücher mit gehobenem, aber nicht abgehobenem, Niveau für eine breite Leserschaft.

Bücher

Auszüge

Bücher – Das Nächtebuch

Hartwig Eckert

Das Nächtebuch

  • Roman
  • Gebundene Ausgabe
  • Erscheinungsjahr: 2018
  • ISBN: 978-3-930472-02-4
  • Preis: 19,80 Euro

Inhalt

In seinem heimlich verfassten Nächtebuch erzählt Hoffmann von Machern und Morden, von Liebe und Liaisons, von Treue und Trauer, und von einem Schatz, der ihm am Ende geblieben: seinem Wortschatz.

In einer neuen Romangattung führt Hartwig Eckert den Leser aus dem Reich der Macher in Hoffmanns Palast der Worte.

Auszug

Splitter und Blechbeulen, aber kein Blut: Als wäre ein Toter gestorben. Der Mann lag mit der Brust auf der Kühlerhaube seines Mercedes, die Arme nach vorne gestreckt in einer Stellung, die mir, als ich später erfuhr, er sei bereits vor dem Unfall tot gewesen, wie die letzte Geste unterwürfiger Verehrung vor seinem Leitstern vorkam.

That’s the way to go, sagen die Briten anerkennend dazu. Der von ihm nicht abgebrochene Scheibenwischer bewegte sich auch ohne Scheibe hin und her, so dass seine einzige Funktion nun darin bestand, seinem toten Herrn auf den Rücken zu klopfen.

Während ich von der Straßenseite nach dem Mann griff, fasste ihn von der Bürgersteigseite vorsichtig eine Frau an. Wie wir beide vornübergebeugt dastanden, uns eine Sekunde lang durch einen Blick zu behutsamem Vorgehen verständigten, erhellte uns ein Blitzlicht: Zwei engelsgleiche Helfer, einem armen Sünder auf seinem Götzenaltar zur Seite stehend.

***

War es das Fehlen des abgehackten Körpers oder waren es die beiden von der Decke hängenden nackten Füße, aus denen die Knochen herausragten, die mir die Sprache nahmen? Ich blickte auf Ljudmilla, meine Zeugin neben mir, die diesen Anblick später nie bestätigt hat. Wir standen in einem ehemaligen Schlachthof, in dem Fleischerhaken von der Decke hingen.
»Seht genau hin, ihr beiden«, sagte einer der drei Männer, die uns hierher geführt hatten, und die ich aus dem Bistro nach dem Unfall kannte.
Als ich den Blick wieder zur Decke wandte, erschrak ich über seine genaue Einschätzung meiner Beobachtungsgabe, denn erst jetzt bemerkte ich, dass dort zwei linke Füße hingen und der kleinere vermutlich der einer Frau war. Noch Jahre danach konnte ich keine ungleichmäßigen Schritte hören ohne die grauenvolle Vorstellung eines grotesk hinter mir hinkenden Paares. Aber mit viel größerer Wahrscheinlichkeit steckten die beiden rechten Füße irgendwo auf dem Meeresboden in Zementblöcken.
»Es ist eigentlich noch zu früh«, sagte einer der Männer, und ich hoffte, dass diese Bemerkung die Reaktion auf den Blick zur Uhr eines der beiden anderen gewesen war.
»Hast du dich jetzt satt gesehen?«, fragte mich der mit hoher Stimme und flacher Stirn. »Dir hat’s die Sprache verschlagen, was, Junge? Stumm wie ein Fisch.« Er wandte sich grinsend an die anderen: »Und wo gehören Fische rein?« Wie auf ein Kommando packten mich die drei an den Haaren und steckten meinen Kopf in einen Wassertrog, der bei dem Gerangel seinen Inhalt so weit verschüttete, dass ich bald darin atmen konnte. Als sich Hören und Sehen wieder einstellten, sagte der eine zu meiner Begleiterin: »Hallo Luja, mein Schatz. Also dein neuer Beschützer gefällt mir: Er ist so verschwiegen. Sieh zu, dass es so bleibt. Und nun verschwinde.« Er gab ihr einen Schlag auf den Hintern, als wolle er ein Pferd auf die Weide entlassen. »Nimm deinen Wasserkopf hier mit, er kann sich ja draußen noch ein wenig verschnaufen. Morgen darf er seine Sprache wiederfinden, aber ein falsches Wort vor Gericht und ihr baumelt von der Decke wie die Fledermäuse. Nun haut ab, ihr beiden Turteltauben.«

Nicht einmal als wir draußen alleine waren, gestattete ich mir den Gedanken, seine Vergleiche hinkten.
»Es hat mich gefreut, deine Bekanntschaft gemacht zu haben, Ljudmilla, aber ich fürchte …«
»Du kommst hier nicht mehr raus, ich habe es auch schon versucht.« Ich fand ihren Akzent auf einmal befremdlich, konnte aber nicht weitergehen, weil sie sich vor mich stellte, um mir Gesicht und Hals zu trocknen und dann auch noch mein feuchtes Haar mit ihren Fingern sehr sorgfältig zu ordnen. Als wir weitergingen, sah ich, dass unsere vier nassen Fußabdrücke bei dieser Prozedur ineinander verlaufen waren.
»Du kannst jetzt nicht mehr aussteigen. Die drei bestehen darauf, dass du vor Gericht aussagst.«

Bücher – Zielverführung

Hartwig Eckert & Jose Julio Gonzalez

Zielverführung

  • Sachbuch
  • Paperback
  • Erscheinungsjahr: 2017
  • ISBN: 978-3-930472-02-4
  • Preis: 17,50 Euro

Inhalt

Wir stecken Milliarden in den Ausbau von Straßen. Das Ergebnis hören wir täglich in den „Verkehrsnachrichten mit Staus ab einer Länge von fünfzehn Kilometern“.

Wir investieren Milliarden in das Gesundheitswesen und erhöhen die Zahl der Kranken.

Wir bewirken mit Friedensmissionen Kriege, Bürgerkriege, Terroraktionen.

Fünf Professoren haben sich zusammengetan, um der Frage nachzugehen, warum wir in komplexen Systemen – also allen gesellschaftspolitischen – unter großem Aufwand das Gegenteil von dem erreichen, was wir als Ziel definiert haben.

Auszug

Inhalt

Kapitel 1
Einfache Wege in komplexe Desaster Hartwig Eckert

Kapitel 2
Warum sind wir so tüchtige Idioten? Jose Julio Gonzalez

Kapitel 3
Pläne machen: Die Fehlermaschine und wie man sie abstellt Dietrich Dörner

Kapitel 4
Krankheit unser höchstes Gut Ines Heindl

Kapitel 5
Die Schwarze Königin: Wettrennen, bis es keine Ziele mehr gibt Hartwig Eckert

Kapitel 6
Die antitelische Tragik der Allmende: Von den Welt-Fischgründen zu den EU-Pfründen Jose Julio Gonzalez

Kapitel 7
Kompetenzfestung oder Zuflucht für Millionenheere Gunnar Heinsohn

Kapitel 8
Zielweisheit gewinnt man durch Fragen Dietrich Dörner, Hartwig Eckert, Ines Heindl, Gunnar Heinsohn, Jose Julio Gonzalez

 

Vorwort

Es gibt nichts Wichtigeres, als bei Projekten die Ziele klar zu definieren. Es gibt nichts Nachteiligeres, als genau das Gegenteil von dem zu bewirken, was als Ziel angestrebt wird. Zur Analyse dieser beiden Pole haben wir die Begriffe „telisch“ und „antitelisch“ geprägt. In allen dynamisch-komplexen Systemen ist antitelisches Verhalten paradoxerweise nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel.

Wir heutigen Menschen leben in einer vernetzten, globalisierten Welt, in der Maßnahmen immer zahlreiche Nebenwirkungen und langfristige Folgen haben. Für die Evolution war diese rasante Entwicklung zu kurz, um in Homo sapiens genetisch verankerte neuartige Denkfähigkeiten hervorzubringen. Die Denkmuster, mit denen wir ausgerüstet sind, reichen aus für Detail-Komplexität, wirken jedoch bei dynamischer Systemkomplexität so, dass genau das Gegenteil des angestrebten Ziels erreicht wird. Die Lösung sehen wir in heuristischen Methoden zur Erkennung dieser Muster und in Denk- sowie Handlungsstrategien zur Überwindung des Dilemmas, dynamische Komplexität mit linearen Denkmustern lösen zu wollen.

Uns geht es nicht primär darum, welche Politiker bzw. andere Stakeholder unserer Gesellschaft „Recht haben“, sondern um die Fragen, welche Ziele sie definiert haben und ob dabei die wichtigsten Variablen einbezogen wurden, auch die der Vernetzung, Langzeiteffekte und Nebenwirkungen. Wie kann man Politiker und andere Entscheidungsträger dazu bewegen, dass sie Ziele klar definieren und sie anschließend verfolgen, statt sich von ihnen zu entfernen? Wir brauchen „Zielweisheit“.

Bücher – Graff

Winfried Veit

Graff oder Allahs Zorn im Garten Europas

  • Roman
  • Franz. Broschur
  • Erscheinungsjahr: 2021
  • ISBN: 978-3-930472-04-8
  • Preis: 18.50 Euro

Inhalt

Der Straßburger Kommissar Graff ist mit der Bekämpfung des islamistischen Terrorismus beauftragt und gerät unversehens in ein Netz politischer Verwicklungen, das weit in die Geschichte zurück reicht. Die Rede ist vom spannungsreichen Verhältnis zwischen Orient und Okzident, vom uralten Kampf zwischen den Mächten des Lichts und der Finsternis.

Vom Elsaß über Venedig und Albanien führt die Spur, die Graff verfolgt, bis in den Nahen Osten. Er wird nicht nur mit der harten und zugleich faszinierenden Welt der orientalischen Minderheiten konfrontiert, sondern stößt auch auf das Vermächtnis von Assassinen und Templern, das unter jüdischen Kabbalisten, christlichen Kopten und Maroniten sowie muslimischen Drusen und Alewiten weiterlebt.

Auszug

Prolog

Frankreich im Jahr 1995. Eine Serie islamistischer Terroranschläge erschüttert das Land – Beginn einer Welle blutiger Gewalt, die über New York, Madrid und London zwanzig Jahre später nach Paris zurück schwappt. Die Reaktion der Staatsmacht ist immer gleich hilflos: »Kriegserklärung« an einen unfassbaren, wie aus dem Nichts zuschlagenden Gegner; hektischer Aktionismus ohne Sinn und Verstand; Beruhigungspillen für die aufgeschreckte Bevölkerung, ohne den Dingen auf den Grund zu gehen.

Letzteres versucht im Straßburg der neunziger Jahre der Gendarmerie-Oberst und Kommissar Jean-Jacques Graff, der mit der Bekämpfung des islamistischen Terrorismus beauftragt ist. Den Dingen auf den Grund gehen heißt damals wie heute, sich für Unerklärliches zu öffnen, Mysterien zu ergründen versuchen und sich tief in der Vergangenheit wurzelnden Erkenntnissen nicht zu verschließen, die möglicherweise mehr Erfolg beim Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner versprechen als kriminalistische Routine und politische Worthülsen. Den Dingen auf den Grund gehen heißt auch, die verwerflichen Verstrickungen der Mächtigen im Orient wie im Okzident beim Namen zu nennen, ihre Lügengespinste zu zerstören und die Augen zu öffnen für diejenigen, die seit Jahrhunderten von den einen unterdrückt, von den anderen im Stich gelassen werden: den orientalischen Minderheiten, die heute mehr denn je von der Auslöschung bedroht sind. Für sie und ihren unbeugsamen Widerstand und Überlebenswillen soll dieser Roman ein Zeichen setzen.

Geschrieben wurde er schon Ende der 1990er Jahre, als noch kaum jemand die Schrecken erahnte, die wenig später über die Welt diesseits und jenseits des Mittelmeers hereinbrechen sollten.

Der Garten Europas

Das Land liegt satt und zufrieden zwischen dem großen Fluß und den blauen Bergen. In der Ebene schleichen sich Bäche und Rinnsale durch endlose Maisfelder dem Fluß entgegen. Kümmerliche Reste des einstmals prächtigen Riedwaldes künden von Zeiten, wo der Mensch die Ebene noch nicht in sich hineingefressen hatte. In das hügelige Weinland unterhalb der Berge traute er sich schon früher. Das sieht man den Puppenstädtchen an, die sich am Eingang von Tälern zu verstecken suchen, ohne doch dem Strom der Touristen entrinnen zu können, so wie sie schon früher hilflos den durchziehenden Heerscharen ausgeliefert waren. »Mein schöner Garten«, rief der Sonnenkönig aus, als er an der Spitze einer solchen Heerschar das fruchtbare Land vor sich liegen sah, und vergaß dabei, daß er diesen Garten mitsamt seinen Bewohnern den früheren Eigentümern geraubt und abgepreßt hatte. Garten Europas nannte es fast dreihundert Jahre später ein Dichter, der ein rechtmäßiger Bewohner dieser Landschaft war, aber den größten Teil seines Lebens im Exil verbrachte. Er hatte dummerweise geglaubt, das kleine Land, zwischen zwei großen Mächten mitten in Europa gelegen, könnte eine Brücke zwischen den feindlichen Brüdern sein, der Humus, auf dem die Früchte des Verstandes und der Versöhnung wachsen und gedeihen.

Weil ihn die Gnade eines frühen Todes ereilte, mußte der Dichter René Schickele nicht mehr mit ansehen, wie seinem kleinen Land das zweite schwere Unglück innerhalb von drei Jahrhunderten widerfuhr, von den vielen kleinen Unglücken in Gestalt von Kriegen, Raubzügen, Verfolgung, Unterdrückung und Not einmal abgesehen, die aufeinanderfolgten wie die Nacht dem Tag. Hatte in jener endlos scheinenden Schlächterei, die man in den Geschichtsbüchern pompös und verharmlosend als Dreißigjähriger Krieg bezeichnet, mehr als die Hälfte der Bewohner das Leben eingebüßt, so verloren später die Überlebenden der nazistischen Barbarei ihre Seele. Der Schock der erlittenen Vergewaltigung durch die braunen Horden war so groß, daß sie nach dem Krieg ohne zu zögern anfingen, ihre eigenen Wurzeln herauszureißen, um für immer dem Zwiespalt zwischen germanischer Seele und lateinischem Herzen zu entrinnen. So gedachten sie zu einer normalen Provinz des einen Vaterlandes zu werden und nahmen den fortdauernden Spott ihrer Landsleute von jenseits der Berge ob ihres schweren Akzents und ihres ebenso schweren Essens in Kauf, weil sie genau wußten, daß man spätestens ihre Enkel nur noch am Namen, nicht mehr aber an der Aussprache erkennen würde. Was aber bedeuteten Namen in einem Land, das einstmals ferne Kontinente beherrschte und heute noch überseeische Territorien sein eigen nannte, deren Bewohner vollwertige Staatsbürger waren? Ein Land, das im Namen der Revolution die hehren Prinzipien der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in der Welt verbreitet hatte und das deswegen bis zum heutigen Tage das Ziel unzähliger Verfolgter und Unterdrückter war?

So wurde denn auch die Geduld der kleinen Provinz und ihrer eifrigen Bewohner eines Tages von dem republikanischen Monarchen im fernen Elysée-Palast belohnt. Er gewährte dem Land zwischen Strom und Bergen, wie auch den übrigen Teilen seines Reiches, nach zweihundert Jahren des strengsten Zentralismus ein wenig Eigenständigkeit und das Recht, den alten Namen zu führen.

Die kleine Provinz Elsaß hatte in ihrer Geschichte Schlimmes durchgemacht; sie war Durchgangsland für fast alle Kriegszüge der europäischen Geschichte, und wer dort wohnte, dem war es gleichgültig, durch welches Schwert er ins Jenseits befördert wurde. Römer, Alemannen, Franken, Hunnen, Kreuzritter, Fürsten, Prälaten, Raubritter, Spanier, Franzosen, Kroaten, Schweden, Österreicher, Jakobiner, Preußen, Nazis – das alles zog hin und her, eroberte, plünderte, schlug sich, verwaltete und setzte sich mal länger, mal kürzer fest. Im Herzen Europas zu liegen brachte zwar manchen Vorteil – die Wirtschaftsströme kreuzten sich hier ebenso wie die Kriegsströme, und einmal konnte sich die kleine Provinz sogar rühmen, Mittelpunkt des europäischen Geisteslebens gewesen zu sein – aber alles in allem war es doch eine rechte Last, immer und jedem im Wege zu stehen.

In einem Punkt allerdings erwies sich die Geographie als Verbündete des Landes und seiner Bewohner. So sehr man unter den Bruderkämpfen der Nachbarvölker und ihrer Verbündeten litt, so wenig war man von den großen Bedrohungen der Jahrhunderte berührt. Nur am Anfang hatten die Hunnen auf dem Weg in ihr Verderben auf den Katalaunischen Feldern das Land gestreift. Danach waren die Invasoren alle auf dem Weg in das Herz Europas weit vorher zurückgeschlagen worden, die Ungarn, die Wikinger, die Mongolen. Und vor allem die jahrhundertelange Bedrohung durch islamische Mächte war spurlos am Elsaß vorübergegangen. Der Ort der ersten Entscheidungsschlacht bei Tours, als die aus Spanien vordringenden Araber in letzter Minute von den Franken gestoppt wurden, lag fünfhundert Kilometer von Straßburg entfernt. Und Wien, wo achthundert Jahre später die zweite und nach weiteren einhundertfünfzig Jahren die dritte Entscheidungsschlacht gegen die Türken geschlagen wurde, war noch weiter weg. Einzig im 9. Jahrhundert gelangte ein sarazenischer Stoßtrupp in bedrohliche Nähe, verlor sich dann aber in den Alpentälern der Schweiz.

Doch jetzt, nachdem man fester und unverbrüchlicher Bestandteil des einen Vaterlandes geworden war, und dieses wiederum sich mit seinem mächtigen Nachbarn im Osten ausgesöhnt hatte, ja, mit diesem zusammen sogar das Herz und die Seele Europas bildete, jetzt war diese Bedrohung auf einmal da. Sie war schleichend daher gekommen, niemand hatte sie bemerkt, keiner wußte zu sagen, wann es angefangen hatte, alle – die politischen Führer wie immer an vorderster Stelle – hatten die Gefahr nicht sehen wollen. Und doch waren sie es, die Schuld daran trugen, die im Namen der Nation das Volk zu fernen Abenteuern getrieben hatten und die immer noch an fremden Ufern versuchten, undurchsichtige Geschäfte zu betreiben, deren Gewinn in ebenso undurchsichtigen Taschen versickerte. Doch mit dem Gewinn sickerten auch die Opfer der unheiligen Allianzen in die Metropole ein, überschwemmten die Vorstädte, breiteten sich in ganzen Straßenzügen aus, eröffneten Gemüseläden und Schneidereien, Restaurants und Reisebüros, und schließlich sogar Schulen und Gebetsstätten. Frauen mit Kopftüchern und Kinder mit dunklen Augen beherrschten tagsüber lärmend die Straßen, die abends von ernsthaft diskutierenden bärtigen Männern belebt wurden, während nachts die Mächte der Finsternis das Kommando übernahmen. Die Polizei wagte sich nach Anbruch der Dunkelheit in manchen Städten nicht mehr in bestimmte Viertel: Drogen, Waffen, religiöser Fanatismus und politische Intrigen lagen wie eine dunkle Wolke über dem lichten Land. Wie eine langsam steigende Flutwelle nach lang anhaltendem Regen breitete sich die Bewegung von Süden nach Norden aus. Von Marseille nach Lyon und von dort in die elenden, dem Untergang geweihten alten Industriegebiete des Nordens um Lille und Roubaix schuf sie sich immer mehr Vorstädte des Islam, wie ein kluger Soziologe das nannte. Die Metropole Paris war von alters her Anlaufpunkt der Mühseligen und Entrechteten, zuerst um den Gare du Nord, Endpunkt für polnische und russische Emigranten, dann sich ausbreitend in die häßlichen Betonviertel der Vorstädte im Norden und Osten der Stadt. Und während dieser Strom den gleichen Weg nahm wie über tausend Jahre zuvor die Araber aus Nordafrika und Spanien, ergoß sich zur gleichen Zeit ein ähnlicher Strom aus dem östlichen Mittelmeer auf dem Weg der türkischen Invasoren in die Mitte Europas.

In der kleinen Provinz Elsaß trafen sich die beiden Ströme – so wie sich schon immer die Ströme der Zeit in diesem Zwischenland getroffen hatten.

* * *

Warum nur kommen die alle zu uns? fragte sich der Kommissar-Oberst Jean-Jacques Graff in seinem Büro in der Avenue des Vosges, dessen hohe Fenster einen geradezu kitschigen Postkartenblick auf den Straßburger Münsterturm freigaben. Dort stand er oftmals während der langen Bürotage, weil er beim Nachdenken gerne aus dem Fenster blickte. Aber er erfreute sich auch an dem Anblick, den der sich nach oben immer mehr verjüngende Turm bot, und er stellte sich die darunter liegende dunkle, Respekt heischende Masse des Querhauses vor, das von den steilen Dächern der Altstadt verdeckt wurde. Dieser Anblick bewies ihm mehr als alles andere, daß er tatsächlich zurückgekehrt war nach zwanzig Jahren, in denen er in immer der gleichen Uniform und in stets gleichförmigen Büros die Staatsgewalt in fast allen Winkeln der Republik repräsentiert hatte. Jetzt hatte ihn das gütige Schicksal der bürokratischen Rotationsmaschinerie an die Stätte seiner Kindheit zurück katapultiert, und er war entschlossen, seine Wurzeln wiederzufinden, die der jakobinische Zentralismus mit Macht und Verführung zu untergraben suchte. Hatte er nicht zu Hause mit seiner Frau immer im heimatlichen Dialekt gesprochen, so daß seine Kinder ihn wenigstens verstanden, auch wenn sie sich sonst in nichts von anderen französischen Kindern unterschieden, vom fremd klingenden Familiennamen einmal abgesehen?

Und jetzt das. Vor ihm lagen zwei Papiere. Das eine war ein Zeitungsartikel aus den Dernières Nouvelles d’Alsace vom selben Tag. Unter der Überschrift RANDVIERTEL: DIE SPANNUNG STEIGT konnte er lesen:

Seit letztem Wochenende wurden ein Dutzend Autos gestohlen und in den Randvierteln von Strasbourg, vor allem im Neuhof, willentlich in Brand gesteckt. Gruppen Jugendlicher zünden Autos oder Papierkörbe an und empfangen dann die Feuerwehr mit Steinwürfen.

Sie tun das aus dem Hinterhalt heraus und hindern so die Hilfskräfte daran, sich dem Brandherd zu nähern. Seit Anfang des Jahres 1995 kamen die Feuerwehrleute so bei 320 Brandstiftungen von Autos in und um Strasbourg zum Einsatz. Die Gesamtzahl der in Brand gesteckten Wagen dürfte bei 450 liegen.

Die Straßburger Transportgesellschaft (CTS) hat ihrerseits in den Monaten August und September elf Angriffe von Busfahrern und Kontrolleuren registriert. Insgesamt konnten seit Jahresbeginn 51 Angriffe aufgelistet werden. 1994 waren es 48. Von Januar bis September wurde außerdem 108mal mit Steinen auf die Busse geworfen. Im Monat September allein 20mal.

Der Kommissar ärgerte sich über den Artikel, weil er in kläglichem Deutsch geschrieben war. Dabei kaufte er doch immer die zweisprachige Ausgabe der DNA, weil er dabei helfen wollte, das Verschwinden der Muttersprache zu verhindern. Nach wochenlangem Zögern tat er dies jetzt auch offen vor seinen Kollegen, nachdem er festgestellt hatte, daß die offizielle Linie nunmehr die Bilingualität förderte. Doch wußte er, daß er zusammen mit 40.000 weiteren Käufern auf verlorenem Posten stand, denn fünfmal so viele zogen es vor, die rein französische Ausgabe zu erstehen. Vor fünfundzwanzig Jahren wurde noch die Hälfte der Auflage zweisprachig gedruckt – so wenigstens stand es in einem (natürlich französischen) Buch über die Kulturgeschichte des Elsaß, das er erst kürzlich voller Wehmut gelesen hatte.

Er ärgerte sich aber auch darüber, daß diese Typen schon wieder in den Schlagzeilen waren. Sie waren nur kleine Fische – nein, sie waren weniger als das, und doch viel mehr: Sie waren das Wasser, in dem sich die größeren, die Raubfische tummelten. Aber das interessierte niemanden. Die Öffentlichkeit würde bald wieder über ihn herfallen, wegen dieser läppischen Vorkommnisse und dieser armseligen Typen. Als erster würde ihn der Präfekt anrufen, um ihn an seine Verantwortung als Chef der Kommandogruppe der Nationalgendarmerie zu erinnern. Der Präfekt würde sagen, daß der Innenminister ihm durch einen Anruf aus Paris schon am frühen Morgen das Frühstück verdorben habe, und er somit keinerlei Hemmungen habe, nun seinerseits dem Kommissar den Tag zu verderben. Dieser würde sich in den Sessel zurücklehnen, den Hörer in einiger Entfernung vom Ohr halten, um nur in Wortfetzen den üblichen Sermon mitzubekommen: … Verantwortung … Staatsautorität … Öffentlichkeit … Minister …

Während er auf den Anruf wartete, starrte er mit müden Augen auf das zweite Papier, das in fehlerhaftem Französisch geschrieben war. Der Bericht stammte von einem V-Mann aus dem Vorort Neuhof, wo letzte Nacht die Randale stattgefunden hatte und der zu jenen Vorstädten des Islam in Frankreich gehörte, über die immer mehr Bücher geschrieben wurden. Aber alle diese Bücher konnten auch nur das beschreiben, was ohnehin jeder wußte: daß die Hälfte der Leute arbeitslos war, daß die Jugendlichen keine Chance hatten, daß sie das System haßten, daß sie ihr sinnloses Dasein als Galeere bezeichneten, daß diese Ghettos der Nährboden für Extremismus aller Art waren. Aber dann kamen diese intellektuellen Klugscheißer unweigerlich jedesmal zu dem Schluß, daß die Gesellschaft Schuld an diesem Zustand sei, weil sie vor allem den Jugendlichen die Integration verweigere und sie deswegen ihre Identität im islamischen Fundamentalismus suchten.

Der Kommissar lächelte bitter vor sich hin. Was glaubten diese Typen eigentlich, und was suchten sie hier? Wenn sie ihre Identität bewahren wollten, dann sollten sie doch dorthin zurückgehen, wo sie hergekommen waren. Was war denn mit seiner Identität? War er nicht ein guter Franzose geworden wie die anderen Elsässer, die Bretonen, die Katalanen und …? Na ja, die Korsen, dort gab es ein paar Verrückte, die sich ähnlich aufführten wie diese Araber. Aber dieser Staat war das Mutterland der Menschenrechte, Tausende hatten ihr Leben für diese Idee gelassen, hatten sie unter anderen Völkern verbreitet, und die Republik hatte immer wieder Tausende im Namen dieser Idee aufgenommen, ihnen eine Heimat gegeben. Aber natürlich war das nicht umsonst zu haben: Der Preis war die volle und bedingungslose Einordnung in diese Republik, die Anerkennung, ja, die Verehrung ihrer Werte und Prinzipien, und das war nur möglich, wenn man dieses ganze alte Gerümpel von Herkunft, Religion, Sprache und was es sonst noch sein mochte, vergaß und sich als Einzelner dieser einzigartigen Republik verschrieb. War dieser Preis etwa zu hoch?

Er versuchte, sich auf den vor ihm liegenden Bericht zu konzentrieren. Der V-Mann war ein Algerier wie die meisten der Bewohner dieser elenden Betonsilos. Er war speziell zur Beobachtung der islamistischen Szene angeworben worden; für die übrigen Spinner, die Autos anzündeten und mit Drogen handelten, gab es andere V-Leute. Was er berichtete, klang mysteriös und beunruhigend: Nach dem Freitagsgebet in der Moschee, die in einem früheren Lagerschuppen inmitten eines heruntergekommenen Gewerbegebiets am Rande der Wohnsilos untergebracht war, hatte er mit den Kameraden der Vereinigung Masjid Okba wie üblich zusammengesessen. Dann tauchten plötzlich, vom Vorsitzenden der Vereinigung geführt, zwei unbekannte Männer auf. Sie waren glatt rasiert, trugen moderne Anzüge und sahen europäisch aus. Der Vorsitzende stellte sie als bosnische Brüder vor, die gekommen seien, um den islamischen Kampf zu unterstützen. Nach dem Begrüßungsritual wurden Wachen vor dem Versammlungsraum aufgestellt, und es wurde Tee ausgeschenkt.

Der ältere der beiden, ein hagerer, blasser Typ, begann zu reden. Ja, sie seien aus Bosnien, dem islamischen Land, das dem Zentrum Europas am nächsten liege. Nach langer Unterdrückung durch die Ungläubigen hätte ihr Volk in einem heldenhaften Kampf dank der Gnade Allahs – dem Allmächtigen, dem Barmherzigen, dem Erbarmer – seine Unabhängigkeit errungen. Ohne die Hilfe verläßlicher Freunde wäre es freilich unmöglich gewesen, vom Dar al-Harb, vom Kriegsgebiet, zum Dar al-Islam, zum islamischen Gebiet, zu werden. Einige der eifrigsten Glaubenskämpfer unter ihren Verbündeten wollten sich nun, da ihre Mission in Bosnien beendet sei, dem Kampf in einem anderen Dar al-Harb zuwenden. Ihr Ziel sei es von alters her, die Ungläubigen und ihre Helfershelfer unter den islamischen Herrschern – verflucht sei ihr Name – zu bekämpfen. Um den verderblichen Einfluß der sittenlosen westlichen Mächte einzudämmen, müsse man sie nicht nur in den islamischen Gebieten schlagen, sondern auch im Herzen ihres eigenen Machtgebiets. Auch hätten diese Brüder noch alte, ja, uralte Rechnungen zu begleichen, und zwar in eben diesem Dar al-Harb, in dem sie jetzt säßen. Dafür bräuchten sie die Unterstützung ihrer hier lebenden Brüder, die – wie sie wüßten – in einem harten Kampf gegen die Regierung der Ungläubigen stünden, weil diese den Unterdrückern des wahren Glaubens in ihrem Heimatland Algerien helfe. Sie würden deshalb den gleichen Feind bekämpfen, im Osten wie im Westen des Dar al-Islam, und hier im Herzen des Feindeslandes träfen sich die beiden Kampflinien. Die Brüder vom Bai’at al Imam erwarteten ihre Antwort, die sie bald überbringen müßten.

An dieser Stelle brach der Bericht des Agenten ab. Zur Beratung über das weitere Vorgehen und die konkrete Hilfe für die fremden Brüder war nur noch der engere Führungszirkel der Vereinigung zugelassen. Die anderen mußten den Versammlungsraum verlassen und trieben sich in kleinen Gruppen noch eine Weile zwischen den öden Baracken herum, bis auch die letzten sich auf den Weg zu den Hochhäusern machten, deren hochgelegene Stockwerke wie Raumschiffe über der sternenlosen Nacht schwebten. Im Versammlungsraum brannte immer noch Licht, als der V-Mann mit der letzten Gruppe davon schlenderte.

Das Telefon läutete. Der Kommissar nahm den Hörer ab, bereit, ihn weit weg vom Ohr zu halten, falls es der Präfekt sein sollte. Und er war es tatsächlich.

»Bonjour, mon cher. Wie geht es Ihnen? … Sehr schön. Der Minister hat sich überraschend für Morgen angekündigt. Er will sich über die Ergebnisse des Plans Vigipirate in unserer Region informieren. Sie haben zwei Dinge zu tun: Erstens ist Ihre Gruppe für die Sicherheit des Ministers während seines Aufenthalts verantwortlich. Zweitens müssen Sie als Koordinator für die Bekämpfung des islamistischen Terrors in unserer Region eine Bilanz des Plans vorlegen, die selbstverständlich positiv ausfallen wird. Aber das kennen Sie ja… Ich erwarte Sie in einer Stunde in meinem Büro, wo wir zusammen mit den Verantwortlichen der anderen Sicherheitsbehörden den Besuch minutiös vorbereiten wollen.«

Der Plan Vigipirate war seit einigen Wochen in Kraft. Er war die Reaktion auf die Serie von Anschlägen islamistischer Terroristen, die mit einer Bombenexplosion in der Metrostation Saint-Michel in Paris begonnen hatte. Dabei hatten sieben Menschen ihr Leben verloren und 117 waren verletzt worden. Danach hatte es noch fünf weitere Anschläge gegeben, zuletzt auf eine jüdische Schule in Villeurbanne, einem Vorort von Lyon. Der Plan Vigipirate sollte weitere Attentate verhindern, war aber nach Meinung des Kommissars und seiner Kollegen nichts weiter als ein großangelegtes psychologisches Manöver der Regierung zur Beruhigung der aufgebrachten Öffentlichkeit. Diese Öffentlichkeit bestand hauptsächlich in geifernden Bildberichten des Fernsehens und scharfen Kommentaren der Tagespresse. Für einen erfahrenen Polizisten war klar, daß man mit hektischem Aktivismus höchstens durch Zufall einen der gesuchten Terroristen fangen konnte. Aber es machte sich natürlich gut, wenn die Leute beim Betreten von Kaufhäusern oder Kinos ihre Handtaschen öffnen mußten oder der Kofferraum ihres Wagens durchsucht wurde, wenn sie auf einen Parkplatz fahren wollten. Die guten Bürger unterzogen sich bereitwillig diesen Prozeduren und bestätigten sich gegenseitig mit ernsthafter und wichtiger Miene, daß auch sie damit ihren Beitrag zur Bekämpfung des Terrorismus leisteten. Sie hatten ja ein gutes Gewissen, während diese verdammten Araber sich ohnehin kaum noch aus ihren verlotterten Vororten heraus trauten.

Wie aber sollten hinterher die vielen Überstunden seiner Beamten wieder abgebaut werden, fragte sich der Kommissar, während er die zweihundert Meter zur Präfektur weiter oben in der Avenue des Vosges ging. Das interessierte die Politiker natürlich nicht, sie wollten mit allen Mitteln die Öffentlichkeit beeindrucken.

Bei der Besprechung im Büro des Präfekten herrschte größere Aufregung als sonst. Schließlich kam der Innenminister nicht jeden Tag in die kleine Provinz, und schon gar nicht so unvorhergesehen. Und er war ja auch nicht irgendein Minister, nein, er war der Sohn eines großen Mannes, der dem General de Gaulle als Premierminister gedient hatte. Jetzt gehörte er selbst zu den Baronen der gaullistischen Bewegung, und mit der islamistischen Terrorwelle hatte er die erste große Bewährungsprobe in seinem neuen Amt zu bestehen. Der Plan Vigipirate hatte deshalb unter allen Umständen ein Erfolg zu sein, auch in ihrer bisher ruhig gebliebenen Region, das machte der Präfekt mit gerötetem Gesicht und hoher Stimme unmißverständlich klar.

Kommissar Graff hörte mit halbem Ohr hin, als der Präfekt wieder und wieder die Bedeutung des morgigen Tages und die schrecklichen Folgen eines – unter allen Umständen zu verhindernden! – Mißerfolges ausmalte. Er beobachtete seine Kollegen, die mit teils gespielter, teils mit echter Aufmerksamkeit um den ovalen Tisch herumsaßen. Einige machten sich noch Hoffnungen und blickten ehrgeizig in die Zukunft, während die anderen – meist die älteren – längst schon die Nichtigkeit solchen Strebens eingesehen hatten und nichts mehr haßten, als in der Routine täglicher Verwaltungsarbeit über Gebühr gestört zu werden. Nur in einem waren sie sich einig: im eifersüchtigen Wachen über die Kompetenzen des eigenen Dienstes, weswegen sie sich untereinander einen gnadenlosen Kleinkrieg lieferten.

Alle, die um diesen Tisch herumsaßen, repräsentierten das undurchdringliche Gestrüpp der französischen Polizeibehörden und Geheimdienste. Dieses war zunächst als kleine Pflanze unter dem Polizeiminister Fouché zu Zeiten Napoleons recht gut gediehen, hatte sich durch die Jahrhunderte gewuchert, ob Monarchie oder Republik, und war jetzt, am Ende des 20. Jahrhunderts, zur vollen Blüte ausgewachsen. Da saßen Dufour von der DCRG (Direction Centrale des Renseignements Généraux), Grignon von der DST (Direction de la Surveillance du Territoire), Delpont von der DGSE (Direction Générale de la Sécurité Extérieure) und Esposito von der DCPJ (Direction Centrale de la Police Judiciaire). Und da war dann noch seine eigene Kommandogruppe der Nationalgendarmerie und der Kollege Ostermann, dem eine gleiche Gruppe der nationalen Polizei unterstand. Dieser, neben ihm der einzige Elsässer in der Runde, musterte ihn heute besonders feindselig, weil ihm als Vertreter der Polizei eigentlich die Bewachung seines Dienstherrn, des Innenministers, zugestanden hätte. Aus unerfindlichen Gründen, die mit hoher Politik zu tun haben mußten, sollte aber die Gendarmerie, die dem Verteidigungsminister unterstand, diese Aufgabe übernehmen.

Der Besuch des Ministers war ein voller Erfolg, wie man in den Zeitungen des folgenden Tages nachlesen konnte. Er hatte zunächst die Europabrücke an der Rheingrenze zwischen Straßburg und Kehl inspiziert. Dort legte ihm der Präfekt persönlich – umgeben von Vertretern der Grenzpolizei und des Zolls – eine Bilanz der vergangenen vier Wochen vor. Der kleine Mann mit dem roten Gesicht hatte Mühe, mit seiner hohen Stimme gegen den kräftigen Wind anzukommen, der durch das Rheintal fegte. Zwischen den vorüberjagenden Wolken blitzte immer wieder die kaum wärmende Spätherbstsonne hindurch und tauchte die auf dem Mittelstreifen der beiden Fahrbahnen stehende, um den Minister und den Präfekten gescharte Gruppe von Beamten, Sicherheitsleuten und Journalisten in ein mildes Licht.

»Seit Beginn des Monats«, quäkte der Präfekt, »wurden 1095 Ausländer an den Grenzen unserer Region zurückgewiesen, und 126 gesuchte Personen konnten festgenommen werden. Das sind viermal so viele wie in den zwei Monaten davor! Allein gestern haben die Grenzbehörden 17 Personen die Einreise verweigert, und fünf Gesuchte wurden verhaftet. Noch vor drei Stunden, Herr Minister«, und jetzt überschlug sich seine Stimme förmlich, »wurde an dieser Stelle, an der wir jetzt stehen, ein Verdächtiger festgenommen, von dem wir annehmen, daß er mit dem terroristischen Milieu in Verbindung steht.« Der Präfekt blickte triumphierend auf den Minister und versuchte gleichzeitig mit einem Auge mitzubekommen, ob auch die Presseleute ihn verstanden hatten.

Denn es war natürlich der eigentliche Zweck des Ministerbesuches, den Medien, und damit der Öffentlichkeit, Entschlossenheit und Wirksamkeit zu demonstrieren und den guten Bürgern das Gefühl zu geben, daß dieser Staat sie unter allen Umständen schützen würde, selbst gegen Dinge, gegen die es keinen Schutz gibt, wie zum Beispiel ihre eigene Dummheit, so hatte es der Präfekt auf der Vorbesprechung süffisant ausgedrückt. Diesem Ziel war alles andere untergeordnet worden, und um sein Gelingen sicherzustellen, waren die Telefonleitungen zwischen Ministerbüro und Präfektur gestern heiß gelaufen. Nachdem auch die letzten Details – die Fahrtroute, die genauen Zeiten der einzelnen Ereignisse, der Ort und das Arrangement des Büfetts, die Größe und Ausstattung der Konferenzsäle, die problemlose Erreichbarkeit von Garderoben und Toiletten, die Verfügbarkeit von Regenschirmen und tragbaren Mikrofonen – zwischen dem Leiter des Ministerbüros und dem Kanzleichef des Präfekten geklärt waren, setzte sich die ganze schwere Maschinerie in Bewegung, schreckte Behörden auf, ließ ausschwärmen, untersuchen, inspizieren, berichten und wurde vom Präfekten nach Abwägung aller erhaltenen Informationen und nach erneuter Beratung mit den Chefs der Sicherheitsdienste noch einmal mit noch genaueren Instruktionen versehen erneut in Gang gesetzt.

Knurrend hatte Kommissar Graff bei der zweiten Besprechung bemerkt, daß es ihm nicht nur an Geld und Leuten zur Terrorismusbekämpfung fehle, sondern ihm jetzt auch noch die Zeit dafür gestohlen würde. Das hatte ihm einen kurzen, scharfen Verweis des Präfekten eingebracht, der ihn daran erinnerte, daß es erste Beamtenpflicht sei, seine Vorgesetzten zufriedenzustellen, auch wenn er persönlich ebenfalls vieles als heiße Luft empfinde, was die Herren da in Paris manchmal so produzierten. »Doch jetzt haben wir uns mit dem Büfett zu beschäftigen, denn wie Sie vielleicht wissen, ist der Minister ein ausgesprochener Gourmet, und ich kenne mehrere Fälle, in denen Kollegen deswegen schwer Punkte eingebüßt haben. Sie werden verstehen, daß ich kein Interesse daran habe, daß mir auch so etwas passiert.« Mit einer Mischung aus Verachtung und Bewunderung über so viel zynisches Duckmäusertum lehnte sich Graff in seinen Sessel zurück und blieb den Rest der Sitzung über stumm.

Das Drehbuch, das der Präfekt für den Ministerbesuch entworfen hatte, sah eine psychologische und emotionale Steigerung von Ereignis zu Ereignis vor. Einem Fachbuch für public relations hatte er entnommen, daß dies den Effekt bestimmter Aktionen ungeheuer anheben könne, weil beim Betrachter damit eine innere Bereitschaft ausgelöst würde, den Hauptdarsteller – in diesem Fall den Minister – in einem positiven Licht zu sehen. Wichtig war es natürlich, in der Kürze der Zeit das richtige Publikum für die Auftritte des Ministers zu mobilisieren. Aber dafür hatte man ja seine erprobten Kanäle…

Und so waren am nächsten Morgen auf der Rheinbrücke neben der Entourage des Ministers auch die Medien einträchtig versammelt: die regionalen Fernseh- und Rundfunksender ebenso wie die beiden großen Regionalzeitungen, die Dernières Nouvelles d’ Alsace aus Straßburg und die Zeitung L’ Alsace aus Mulhouse. Wichtiger aber für den Minister war die Tatsache, daß auch die regionalen Korrespondenten der großen Pariser Blätter anwesend waren. Sogar die deutschen Medien von der anderen Seite des Rheins waren vertreten: der Südwestfunk aus Baden-Baden und die großen Regionalblätter Badische Zeitung aus Freiburg und Badische Neueste Nachrichten aus Karlsruhe. Doch die sah der Präfekt nicht so gerne, weil die Deutschen immer wegen angeblicher Verletzungen des Schengener Abkommens aufgrund der verstärkten Grenzkontrollen herummäkelten. Seine Pressestelle hatte die deutschen Medien routinemäßig eingeladen, wie sie es immer tat, wenn Fragen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit berührt wurden. Der Präfekt ärgerte sich, daß er diesen Punkt übersehen hatte, auch wenn Berichte in deutschen Blättern natürlich nicht die gleiche Bedeutung hatten, als wenn sie in Frankreich erschienen. Aber er hatte nun einmal den Ehrgeiz, eine Sache perfekt über die Bühne zu bringen. Er mußte dem Minister unbedingt noch ins Ohr flüstern, diesen Punkt in seiner Ansprache ja nicht zu vergessen.

Der Minister bedankte sich für den Bericht des Präfekten: »Wir sehen daran deutlicher denn je, daß der Plan Vigipirate notwendig und sinnvoll war. Ich bin froh, daß wir diesen Plan rechtzeitig nach den ersten verbrecherischen Anschlägen in Kraft gesetzt und damit sicherlich Schlimmeres verhindert haben. Ich möchte die beteiligten Sicherheitsbehörden, und ich schließe den Zoll und das Militär mit ein, zu ihrer erfolgreichen Zusammenarbeit beglückwünschen. Diese hat wieder einmal deutlich gemacht, daß das verantwortungslose Gerede von einem angeblichen Kompetenzwirrwarr in den staatlichen Sicherheitseinrichtungen völlig fehl am Platze ist.« Er wandte sich mit einem leichten Lächeln in Richtung der deutschen Journalisten, die ihm der Präfekt kurz zuvor signalisiert hatte. »Wir stehen hier an einer historischen Stelle. Hier wurden erstmals die Grenzen zwischen zwei europäischen Staaten durchlässig gemacht. Ich möchte betonen, daß Frankreich das Abkommen von Schengen im Hinblick auf die Information und die Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden strikt einhält. Wir nehmen zur Zeit lediglich die im Abkommen vorgesehene Ausnahmeregelung zur Wiedereinführung von Grenzkontrollen in Anspruch, um in unserem Land eine normale Sicherheitslage wiederherzustellen, auf die unsere Bürger Anspruch haben.«

Genau nach Plan verließ die Wagenkolonne des Ministers die Europabrücke in Richtung Innenstadt. Im ersten Wagen hinter der schwarzen Ministerlimousine, in der auch der Präfekt mitfuhr, saß der Kommissar mit zwei seiner besten Leute. Gendarmen in schwarzer Lederkleidung umschwärmten die Kolonne auf schweren Motorrädern wie ein Schwarm aufgeschreckter Hornissen. Sie fuhren durch die wenig einladende Umgebung der Industrievororte, die den nahen Hafen ankündigten. An der Stelle, wo sie nach Norden abbogen, um die Altstadt auf dem Weg zur Präfektur zu umfahren, überquerten sie die Rue du Landsberg, die direkt in die Vorstadt Neuhof führte. Aber davon wußte der Minister sicherlich nichts, und der Präfekt würde sich hüten, ihn darauf aufmerksam zu machen. Graff aber wurde schmerzlich daran erinnert, daß dort eine Gefahr lauerte, die er noch nicht einzuordnen wußte. Im Augenblick hatte er jedoch andere Sorgen…

Der große Saal der Präfektur glänzte in seinem besten Licht. Das große Podium an der Stirnseite war mit üppigen Blumenbuketts geschmückt. Trotz der Tageszeit waren die schweren Kristallüster hell erleuchtet. Niemand sollte übersehen, daß die zweite Szene aus dem Drehbuch des Präfekten ihren Anfang nahm.

Dieser hatte zusammen mit dem Minister auf dem Podium Platz genommen. In den beiden Ecken hinter dem Podium standen zwei Leibwächter in kugelsicheren Westen, die mit kühler Miene und verschränkten Armen den Saal beobachteten. Der war fast vollständig gefüllt mit den Verantwortlichen der verschiedenen Sicherheitsbehörden, Honoratioren der Stadt, Leitern von staatlichen Ämtern, Journalisten, Diplomaten, Parlamentariern und Repräsentanten der gesellschaftlichen Gruppen. Einen besonderen Ehrenplatz nahmen die Vertreter der religiösen Gemeinschaften ein, die in unmittelbarer Nähe des Podiums plaziert waren. Da saßen mit heiterer und gewichtiger Miene der katholische Erzbischof und der Bischof der protestantischen Minderheit, die immerhin 25 Prozent der Stadtbevölkerung ausmachte. Und da saßen mit ernsten Gesichtern der Imam der Straßburger Moschee, Oberhaupt der islamischen Gemeinschaft des Elsaß, und der Großrabbiner des Départements Bas-Rhin als Repräsentant der Jüdischen Gemeinde, die allein in der Stadt Straßburg 15.000 Mitglieder zählte.

Dem Präfekten stand der Schweiß auf der Stirn, wie Graff gut beobachten konnte, denn er saß in einer der ersten Stuhlreihen. Und er konnte sich auch denken, was dem kleinen Mann Unbehagen bereitete: Es war das unübersehbare Trommeln der Fingerspitzen, mit dem der Minister seiner wachsenden Ungeduld Ausdruck verlieh. Die beiden Herren, und mit ihnen die übrige im Saal versammelte Männergesellschaft, der nur zwei Journalistinnen einen bunten Tupfer verliehen, warteten auf die Oberbürgermeisterin, die jetzt – mit fünfzehnminütiger Verspätung – gelassen, ja fast provozierend langsam den großen Saal bis zum Podium durchschritt. Alle Augen waren auf die hochgewachsene blonde Frau gerichtet, die – attraktiv und populär – dem linken Lager angehörte und mit ihrem wohl kalkulierten Auftritt ihre Unabhängigkeit als gewählte Vertreterin des Stadtvolkes demonstrierte. Dabei hatte der Präfekt sich diesen Auftritt als besondere Geste ausgedacht, mit der vor aller Öffentlichkeit die Einheit der Nation über alle Parteigrenzen hinweg in einer so wichtigen Frage deutlich gemacht werden sollte. Dafür hatte er sogar in Kauf genommen, daß neben dem Kommissar-Oberst Graff auch ein Vertreter der Stadtverwaltung seine Ansichten über die Bekämpfung der islamistischen Gefahr durch eine Politik der offenen Arme ausbreiten durfte. Das süß-saure Lächeln, mit dem er eilfertig der Oberbürgermeisterin zur Begrüßung entgegen stürzte, bestätigte Graff in seiner Gewißheit, daß der Präfekt in diesem Augenblick seine Idee zutiefst bereute, denn ebenso gewiß war, daß er soeben beim Minister mindestens einen Punkt eingebüßt hatte.

Nach den gewichtigen, dem Ernst der Lage angemessenen Grußworten der drei Persönlichkeiten des Podiums, wobei sich auch die linke Oberbürgermeisterin keinesfalls im Ton vergriff, wie man im Saal teils befriedigt, teils enttäuscht zur Kenntnis nehmen konnte, führte der Präfekt den ersten Redner ein, den Kommissar-Oberst Jean-Jacques Graff, Chef der Kommandogruppe der Nationalgendarmerie und Koordinator zur Bekämpfung des islamistischen Terrors in der Region. Der Kommissar-Oberst sei in seiner doppelten Eigenschaft als Polizist und Militär in besonderer Weise geeignet, diese verantwortungsvolle Aufgabe zum Schutze von Republik und Nation in dieser ernsten Stunde wahrzunehmen, führte der Präfekt aus. Sein Bericht würde jedem der Anwesenden vor Augen führen, wie gefährlich die Lage sei und welche Maßnahmen die Behörden schon getroffen hätten, um dieser Gefahr mit rechtsstaatlichen Mitteln, aber auch mit aller Härte des Gesetzes entgegenzutreten.

Graff ging mit gemessenen Schritten zum Rednerpult. Er wußte, was von ihm erwartet wurde, und ihm war klar, daß einiges für ihn davon abhing, welchen Eindruck er beim Minister hinterlassen würde. Gewiß, der Innenminister war nicht sein Dienstherr, aber ein so mächtiger Herr konnte durchaus seinen Einfluß geltend machen, wenn es etwa um die Versetzung eines hohen Beamten in der Domäne eines Ministerkollegen ging.

»Madame le Maire, Monsieur le Ministre, Monsieur le Préfet, Eminences, Excellences, Mesdames et Messieurs – wie der Herr Präfekt schon sagte, bin ich Militär und Polizist in einer Person. Mein Bericht wird deshalb militärisch knapp und polizeilich luzide sein. Ich werde mich nicht mit den soziologischen und politischen Aspekten des islamistischen Terrorismus befassen, denn mir wurde gesagt, daß dies der nachfolgende Redner tun wird. Ich werde mich ausschließlich den Folgen dieser Bewegung für die nationale Sicherheit widmen und den Maßnahmen, die wir zu ihrer Bekämpfung ergriffen haben.

Zunächst möchte ich ein Wort zur geographischen Lage unserer Region sagen, weil wir als Grenzland eine besondere Rolle sowohl in den Überlegungen der Terroristen als auch in unseren Abwehrmaßnahmen spielen. Wenn Sie auf das Dach der Präfektur steigen würden – was ich Ihnen jetzt nicht zumuten möchte – , dann könnten Sie von dort den Schwarzwald sehen. Der liegt, wie Sie alle wissen, in Deutschland. Mit der Öffnung der Grenzen zwischen unseren beiden Ländern – nicht erst seit dem Schengener Abkommen – ist diese Region zwischen Karlsruhe und Freiburg zu einer logistischen Basis, zu einem Ruheraum für islamistische Extremisten geworden. Wir verfügen über genügend Belege dafür, über Hotelrechnungen und Tankquittungen.«

Er sah von seinem Manuskript auf und suchte im Publikum die deutschen Journalisten, deren Gesichter er sich auf der Europabrücke einzuprägen versucht hatte.

»Diese Beweise verdanken wir den deutschen Behörden, mit denen wir sehr eng zusammenarbeiten. Von ihnen wissen wir auch, daß als Anlaufstellen für neu ankommende Terroristen sogenannte Muslimbruderschaften dienen. Solche Organisationen sind in Stuttgart, Karlsruhe und Mannheim tätig. In Freiburg bietet eine Moschee den Raum für den ersten Kontakt. Engere Verbindungen werden danach in privaten Treff- und Gebetsräumen geknüpft.

Diese Stützpunkte auf der deutschen Seite dienen der Sammlung von Geld unter den in Deutschland ansässigen Muslimen, der Vorbereitung von Aktionen, der Rekrutierung von Aktivisten und dem Transport von Waffen sowohl nach Frankreich als auch nach Algerien. Deutsche wie französische Ermittler sind umfangreichen Waffen- und Sprengstoffexporten auf der Spur. Das Material stammt fast ausschließlich aus dem Osten; vor allem aus Tschechien und der Slowakei wird es nach Deutschland gebracht, dort zwischengelagert und in kleinen, unauffälligen Schüben nach Frankreich weiterbefördert, wo es entweder für Anschläge – wie in den letzten Wochen – verwendet oder weiter nach Algerien transportiert wird.

Dabei spielt unsere grenznahe Region eine wichtige Rolle. Denn von Deutschland aus finden Material und Personen ihren Weg über die bis vor kurzem fast nicht mehr kontrollierten Grenzübergänge bei Neuenburg, Breisach und Sasbach. Deshalb ist unsere Region zu einer wichtigen islamistischen Operationsbasis geworden, die zwei Hauptstützpunkte hat: die Stadt Mülhausen im Süden des Elsaß und die südlichen Vororte von Straßburg. Warum das so ist, hängt mit den demographischen Bedingungen an diesen beiden Orten zusammen, die mein Nachredner Ihnen wahrscheinlich erläutern wird. Ich möchte hier nur noch darauf hinweisen, daß auch die Schweiz – als drittes Element in diesem Länderdreieck – von den Aktivitäten der Terroristen betroffen ist: Die jüngsten Drohbriefe gegen westliche Botschaften in Algier sind auf einem Basler Postamt aufgegeben worden, nur einen Katzensprung von Mülhausen entfernt. Wir können deshalb mit Fug und Recht die Region am Oberrhein als Relais für den islamistischen Terrorismus bezeichnen. Glücklicherweise bedeutet dies auch, daß in der Region selbst noch keine Anschläge stattgefunden haben, weil die Terroristen ihre Basis nicht gefährden wollen.«

Graff blickte von seinem Manuskript hoch. Er war kein guter Redner, weswegen er sich immer krampfhaft an einen sorgfältig formulierten, mit großem Zeilenabstand geschriebenen Text hielt. Auf seinem massigen Schädel, der von einem schütteren Haarkranz gekrönt wurde, perlten die Schweißtropfen. Warum bloß hatte er vergessen, sich ein Taschentuch einzustecken, wo er doch wußte, daß er beim Reden vor großem Publikum immer ins Schwitzen geriet? Auf dem Podium zumindest hatten sie wohlwollende Mienen aufgesetzt. Die Gesichter im Publikum konnte er nicht deutlich erkennen, so sehr blendeten ihn die Kristalleuchter und die Halogenlampen der Fernsehleute.

»Kommen wir jetzt zu den nationalen, ja, internationalen Auswirkungen dieser Vorgänge, die ich Ihnen gerade beschrieben habe. Von unseren Kollegen in Deutschland und in der Schweiz wissen wir, daß – genau wie bei uns – Nordafrikaner, Türken und Iraner zunehmend zusammenrücken. Das heißt, unsere Dreiländerregion ist zu einer Drehscheibe für muslimische Aktivitäten in ganz Westeuropa geworden. Das bestätigen auch unsere Erkenntnisse über Schlepperorganisationen, die illegale Einwanderer nach Europa bringen.

Mit Ihrer Erlaubnis, Herr Minister, möchte ich gerne aus den Protokollen des Untersuchungsausschusses der französischen Nationalversammlung zur illegalen Einwanderung vortragen. Dort heißt es, ich zitiere: Im Laufe der beiden letzten Jahre konnten wir feststellen, daß die Schleppernetze sehr gut organisiert sind und völlig professionell arbeiten. Bei ihrem Vorgehen nutzen sie jede Lücke im Gesetz. Seit Jahresanfang stellen wir einen verstärkten Druck an der französisch-italienischen Grenze fest, über die Leute aus dem ehemaligen Jugoslawien, Türken, Rumänen und Algerier kommen. Die Schweizer Grenze steht an zweiter Stelle. Dort sind es vor allem Türken, Marokkaner, Rumänen, Brasilianer. An dritter Stelle kommt die französisch-deutsche Grenze mit Türken und Rumänen. Zur Zeit bemerken wir, daß die Algerier, die früher über Italien direkt nach Frankreich kamen, jetzt den Weg über Polen oder Tschechien und Deutschland nehmen. Desgleichen scheuen Leute aus Schwarzafrika nicht den Umweg über Warschau oder Budapest, um dann durch Deutschland und Belgien nach Frankreich zu gelangen. Jede Gruppe hat ihre eigene Organisation, so zum Beispiel die Türken. Drei-, vieroder fünftausend Türken, darunter viele Kurden, warten ständig an der albanischen Küste auf die Überfahrt nach Süditalien. Von Bari oder Lecca gelangen sie in Etappen an die französisch-italienische Grenze. Jede Etappe muß gesondert bezahlt werden. So werden sie von Schlepper zu Schlepper geschleust, bis in die Gegend von Mentone, wo sie meist von einem Lastwagenfahrer übernommen werden, der sie nach Cannes bringt. Von dort geht es nach Deutschland weiter. Der Weg von Bari bis Deutschland kostet pro Person 20.000 bis 30.000 Francs. Auch die Marokkaner, die früher über Spanien kamen, ziehen jetzt den Weg über Italien vor. Zwei kleine Inseln, die Sizilien vorgelagert sind, dienen als Anlaufstellen für Einwanderer aus Algerien, Tunesien, Marokko oder Schwarzafrika. – Ende des Zitats.

Meine Damen und Herren, ich habe diesen Bericht deswegen so ausführlich zitiert, weil er klar macht, mit welchen Problemen wir es zu tun haben. Erstens wird daraus deutlich, daß unsere Region am Schnittpunkt dieser Einwandererströme liegt – von Osteuropa über Deutschland nach Frankreich, und von Italien über Frankreich nach Deutschland. Und zweitens ist offensichtlich, daß diese illegalen Einwanderer ein ideales Rekrutierungspotential für Extremisten aller Art bieten. Die Drahtzieher und der harte Kern der Aktivisten verfügen selbstverständlich über eigene Netze und Tarnorganisationen, mit deren Hilfe sie sich in ganz Europa bewegen können.«

Graff war jetzt völlig durchgeschwitzt. Die vielen Menschen und Lichter machten den großen Raum unerträglich heiß. Er war froh, daß er sich dem Ende seines Manuskripts näherte.

»Damit komme ich zum letzten Punkt. Er betrifft die internationalen Netze der Terroristen und ihre Bedeutung für die nationale Sicherheit, gerade auch in unserer Region. Wir wissen, daß im November 1992 in der albanischen Hauptstadt Tirana ein Islamisten-Treffen stattgefunden hat. Vertreten waren dort nach unseren Erkenntnissen alle bedeutenden Organisationen, die in Europa operieren: die Islamische Heilsfront (FIS) und die Bewaffnete Islamische Gruppe (GIA) aus Algerien; die Hamas und der Islamische Dschihad aus Palästina; die libanesische Hisbollah und die Islamische Front Tunesiens. Dazu kamen islamistische Gruppen aus Ägypten, der Türkei, Bosnien und Albanien. Und schließlich waren auch die fundamentalistischen Regime in Iran und Sudan vertreten.

Bei diesem Treffen wurde die Karte Europas in Einsatzgebiete aufgeteilt und die verschiedenen Untergrundnetze miteinander verknüpft. Dies funktioniert deswegen gut, weil die vielleicht 150 bis 200 führenden Köpfe der verschiedenen Netze eines gemeinsam haben: Fast alle haben zuerst in Afghanistan und danach in Bosnien gekämpft. Daher sind sie eng miteinander vertraut und das erklärt auch, daß die Nationalitätsunterschiede keine Rolle spielen, weil sie alle für das gleiche Ziel kämpfen. Dieses hat das Sprachrohr der Extremisten in Europa, die Wochenzeitung Al Ansar, so formuliert: Beseitigung der gottlosen Regime im Nahen Osten durch die Errichtung von Gottesstaaten und Bekämpfung des teuflischen Okzidents, Heimat der alten und neuen Kreuzfahrer. Die Koordinierung erfolgt durch eine Tarnorganisation namens Human Concern International, die 1985 als Hilfskomitee für Afghanistan-Kämpfer gegründet wurde. Sie hat ihren Sitz in Stockholm, mit Zweigstellen in London, Warschau, Tirana und Khartum. Ergänzend möchte ich noch hinzufügen, daß sich in der letzten Zeit Anzeichen für ganz merkwürdige Konstellationen häufen: Unsere deutschen Kollegen berichten, daß einerseits die linksextremen Antiimperialistischen Zellen für die Zusammenarbeit mit islamischen Fundamentalisten werben und andererseits neonazistische Gruppen sich mit diesen solidarisieren. Einfacher zu erklären sind gewisse Querverbindungen zur vor allem in Deutschland aktiven Arbeiterpartei Kurdistans PKK. Diese hat wie die Hisbollah ihr Hauptquartier im libanesischen Bekaa-Tal und wird wie diese von Syrien protegiert.«

Graff nahm einen Schluck Wasser und sah erneut von seinem Papier auf. Die letzten Sätze sprach er frei, den Blick fest in den Saal gerichtet.

»Ich denke, jedem in diesem Raum ist klar geworden, wie groß die Gefahr ist und wie notwendig die Maßnahmen waren, die der Herr Minister in den letzten Wochen in Gang gesetzt hat. Es hat seit drei Wochen keine Anschläge mehr gegeben, weil sich die Terroristen in ihre Schlupfwinkel zurückgezogen haben. Jetzt geht es darum, ihre logistische Basis und ihre Verbindungswege – gerade auch in unserer Region – zu zerstören, um ihnen somit die Möglichkeit für weitere Terroraktivitäten zu nehmen. Sie werden verstehen, daß ich aus Sicherheitsgründen dazu keine näheren Angaben machen kann. Ich danke Ihnen.«

Als erster fing der Minister an, Beifall zu klatschen, eilfertig folgten ihm der Präfekt und dann der ganze Saal. Die Oberbürgermeisterin hielt sich allerdings merklich zurück, sie rührte die Hände nur wenige Male. Jetzt ergriff sie das Mikrofon, um den zweiten Redner vorzustellen, Herrn Edouard Amini, Professor für Islamistik an der Universität für Humanwissenschaften in Straßburg, Berater des Europarats für multikulturelle Fragen und Beauftragter der Stadtverwaltung für Probleme der Integration.

Graff betrachtete jetzt erst, nachdem die Last der Rede von ihm gefallen war, den Mann genauer, der nur wenige Stühle von ihm entfernt gesessen und seinen Vortrag mit großer Aufmerksamkeit verfolgt hatte. Er war von kleiner, fast zierlicher Statur, trug die leicht gewellten Haare nach hinten gekämmt und sah überhaupt nicht aus wie ein Orientale. Er könnte Südfranzose oder Sizilianer sein, überlegte Graff und fragte sich, aus welchem nahöstlichen Land der Herr Professor wohl stammte. Als Amini jetzt an ihm vorbei zum Rednerpult ging, fielen ihm zum ersten Mal dessen gütige braune Augen auf, die ihn so schnell nicht wieder loslassen sollten.

Im Saal war inzwischen beträchtlicher Lärm entstanden. Das Publikum war unruhig, man wußte, daß nebenan ein Büfett wartete, und die Mittagszeit war schon angebrochen. Der Präfekt hatte alle Mühe, dem Redner Gehör zu verschaffen und bat ihn denn auch, sich möglichst kurz zu fassen.

Mit höflichem Lächeln versprach dies der zierliche Mann, wies aber daraufhin, er verstehe zwar, daß Fragen der nationalen Sicherheit und der Terrorbekämpfung oberste Priorität genössen, doch käme dabei eben immer die Analyse der Ursachen zu kurz, die zu diesen Problemen führten. Alle polizeilichen und militärischen Maßnahmen seien letzten Endes unzulänglich, vielleicht sogar vergebens, wenn man nicht die Gründe kenne und bekämpfe, die junge Menschen in den Extremismus und Terrorismus trieben. Ein Punkt sei, wie jedermann wüßte, die westliche Unterstützung für manche diktatorischen Regime im Nahen Osten. Wenn man dies aus übergeordneten politischen Gründen nicht ändern wolle oder könne, so sollte man doch zumindest im eigenen Land etwas tun. Die Gesellschaft müsse sich fragen, warum immer mehr junge beurs, in Frankreich geborene Nachkommen algerischer Einwanderer mit französischer Staatsangehörigkeit, in extremistische Aktivitäten verwickelt seien, weil sie ihre Identität wieder in Algerien suchten. Das könne doch nur damit zu tun haben, daß sie sich in Frankreich nicht akzeptiert fühlten, und man wisse ja, daß enttäuschte Liebe leicht in Haß umschlagen könne. Gefährlich sei es deshalb, aufgrund der schrecklichen Vorkommnisse der letzten Wochen alle Muslime als potentielle Extremisten anzusehen, weil man sie damit weiter in die Isolierung dränge und dadurch genau das heraufbeschwöre, was man eigentlich verhindern wolle: eine Radikalisierung zumindest mancher Gruppen, vor allem bei der Jugend. Bei seinem Vorredner habe er deshalb wenigstens einen Hinweis darauf erwartet, daß die erwähnten islamistischen Gruppen nur eine kleine Minderheit der in Europa lebenden Muslime repräsentierten.

Graff hob bei diesen Worten den Kopf und begegnete wieder diesen gütigen und zugleich forschenden Augen. Er mußte widerwillig zugeben, daß Amini ein ungleich besserer Redner war als er selbst und daß er vor allem ein makelloses Französisch sprach, das ihm seinen eigenen, schweren Akzent umso schmerzhafter bewußt machte. Auch im Saal war jetzt völlige Ruhe eingekehrt, alle hörten zu, als der Professor mit seiner leisen, aber eindringlichen Stimme Belege für seine Thesen anführte.

So neigten nach Erkenntnissen des deutschen Verfassungsschutzes höchstens ein Prozent der 2,2 Millionen in Deutschland lebenden Muslime radikalen Strömungen zu. In Frankreich lebten etwa 3,5 Millionen Muslime, davon 1,5 Millionen mit französischer Staatsangehörigkeit. Nach neuesten Umfragen des Nationalinstituts für demografische Studien mache ihre Integration gute Fortschritte. So lebte die Hälfte der jungen beurs mit einer französischen Partnerin, bei den Mädchen sei es immerhin ein Viertel. 70 Prozent der Jungen und 60 Prozent der Mädchen erklärten, sie seien »nicht gläubig«, was dem nationalen Durchschnitt entspräche. Allerdings gebe es einige Dinge, die diese positive Entwicklung gefährdeten: zunächst eine Identitätskrise, die mit dem minderen sozialen und kulturellen Status der Elterngeneration zusammenhänge und durch die diskriminierende Haltung eines Teils der Gesellschaft verstärkt werde. Dann eine soziale Krise, da über 50 Prozent der muslimischen Jugendlichen arbeitslos seien, doppelt so viele wie im Durchschnitt.

Mit einem Blick auf die Uhr verwies Amini bedauernd auf seine Schriften, in denen er praktische Vorschläge ausgearbeitet habe, um diesen Problemen zu begegnen. Er wolle aber noch ein Wort zur Region Elsaß sagen, diesem Relais des islamistischen Terrorismus, wie es sein Vorredner ausgedrückt habe. Das Elsaß sei eine der französischen Regionen mit dem höchsten Ausländeranteil, nämlich fast neun Prozent gegenüber etwa 6,5 Prozent im nationalen Durchschnitt. Es sei aber auch die Region mit dem höchsten Anteil rechtsradikaler Wähler, nämlich 25 Prozent bei den letzten Präsidentschaftswahlen. Er überlasse es seinen Zuhörern, zu urteilen, was auf lange Sicht gefährlicher für die Nation sei. Allerdings sei er der Meinung, daß in den Brennpunkten der Stadt Mülhausen und in den südlichen Vororten von Straßburg dringend etwas getan werden müsse, doch sei dies zuallererst eine politische und weniger eine polizeiliche Aufgabe.

Der Beifall war höflich, am lebhaftesten noch bei den Journalisten und natürlich bei der Oberbürgermeisterin, wie Graff feststellen konnte. Er war sich sicher, daß dem Minister und dem Präfekten vor allem die letzten Worte des schmächtigen Professors nicht sonderlich gefallen hatten.

Nach dem Büfett, das für den Präfekten ein voller Erfolg war, begann der letzte Teil des Ministerbesuchs in der kleinen Provinz. Die Wagenkolonne verließ die Stadt in Richtung Westen, zunächst auf der autobahnartigen Ausfallstraße, die zur Zaberner Steige führte, der uralten Grenzscheide zwischen dem germanischen und dem romanischen Europa, die für die meisten Mitfahrenden noch immer das Elsaß vom inneren Frankreich trennte. Kurz vor den Bergen bog die Kolonne auf eine kleine Landstraße ein, die der untergehenden Sonne entgegen zu dem Dorf Kleinhoffen führte, das am Fuß einer hügeligen Waldlandschaft lag, die weiter nach Westen zu in die nördlichen Ausläufer der Vogesen überging. Ohne sich aufzuhalten, durchquerten die schwarzen Limousinen den unansehnlichen Ort, ständig umschwärmt von den schweren Motorrädern und einfältig bestaunt von den wenigen Dörflern, die sich auf der Straße aufhielten, um am nordwestlichen Ausgang in einen Waldweg einzubiegen, der geradewegs zum alten jüdischen Friedhof führte. Wie alle anderen israelitischen Begräbnisstätten des Elsaß lag auch diese weit abgelegen vom Dorf in einem Waldstück, auf daß sie kein Christenauge beleidigen könne. Den großen jüdischen Landgemeinden war es jahrhundertelang nicht erlaubt gewesen, ihre Toten in der Nähe der gläubigen Christen zu bestatten. Auch durfte nicht jede jüdische Gemeinde einen eigenen Friedhof haben, was dazu führte, daß Begräbnisse zu einer wahren Tortur wurden, kilometerlange Märsche bei jeder Witterung auf zerfallenden Straßen und begleitet vom aggressiven Spott der Dörfler, die ihr eigenes Elend den noch Rechtloseren heimzuzahlen suchten.

Daran mochte der Minister denken, als er jetzt zusammen mit seinen beiden halbwüchsigen Söhnen, die beim Büfett zu der Gruppe gestoßen waren, am Grab seiner Vorfahren stand. Graff, der sich schon von Amts wegen in seiner Nähe aufhalten mußte, war noch immer nicht aus dem Erstaunen herausgekommen, das ihn bei der Besprechung in der Präfektur ergriffen hatte, als das Drehbuch des Ministerbesuchs auch in diesem Punkt erörtert wurde. Niemals hätte er gedacht, daß dieser hohe Herr, ein leitender Kopf der nationalen Bewegung und Regierungspartei, daß ein so vollkommener Franzose und Patriot jüdischer Abstammung sein könnte. Gewiß, die Republik kannte keine Unterschiede in religiösen und rassischen Dingen, aber dennoch, das war erstaunlich.

Die Wagenkolonne setzte sich wieder in Marsch, hielt diesmal aber mitten im Dorf vor dem Rathaus an. Dort hatten sich neben dem Bürgermeister und dem vollständig versammelten Gemeinderat auch der Unterpräfekt des Bezirks und die lokalen Abgeordneten zur Begrüßung des Ministers eingefunden. Vor ihnen und seiner Entourage erklärte der Minister im schlichten Sitzungssaal des Rathauses, daß er mit dieser Rückkehr in den Schoß der Familie seine Hochachtung vor der Tradition durch die Ehrung der Erde und der Toten bekunden und daraus Kraft schöpfen wolle, um für eine Zukunft in Freiheit einzutreten. »Und genau darum geht es, wenn ich gegen Kriminalität, Terrorismus und illegale Einwanderung kämpfe.«

* * *

Bücher – Hier wohne ich

Gottfried Bürger

Hier wohne ich

  • Roman
  • Franz. Broschur
  • Erscheinungsjahr: 2018
  • ISBN: 978-3-930472-01-7
  • Preis: 12,00 Euro

Inhalt

Dass in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überhaupt noch Balladen geschrieben wurden, verwundert. Dass diese Balladen in einer Sprache gefasst sind, die aus der Zeit gefallen zu sein scheint, verwundert noch mehr. Die vorliegenden Gedichte in freien Rhythmen sind Versuche, alte Geheimnisse in einer besonderen Sprache darzustellen.

Die Balladen aus dem Nachlass des Göttinger Philosophen und Schriftstellers Gottfried Bürger wurden in den Jahren 1972 bis 1993 geschrieben. Bürger hat diese Gedichte in freien Rhythmen selbst nicht veröffentlicht.

Soll man Texte, die ein Autor ganz offensichtlich nicht veröffentlicht sehen wollte, am Ende doch öffentlich machen? Ist das erlaubt? Was ist dann von solchen Texten zu halten? Der Göttinger Philosoph und Schriftsteller Gottfried Bürger hat diese Balladen – wir wissen das aus seinen Tagebüchern – nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Kollegen und Freunde des im Jahre 1994 ermordeten Autors haben lange diskutiert, ob man gegen Bürgers Willen diese Texte herausbringen soll. Es sprach vieles dagegen, und vieles, am Ende mehr, sprach dafür, diese über einen langen Zeitraum und in unregelmäßigen Abständen geschriebenen Gedichte zugänglich zu machen.
Diese Veröffentlichung folgt einem Satz, den eine der Gestalten in Bürgers Erzählung ›Gwendolins Rache‹ sagt: »Nur wenn wir sie als Spiel betrachten, bekommt die Geschichte einen Sinn.«

Die sieben Illustrationen in diesem Band stammen von der japanischen Künstlerin Jikan.

Auszug

Erinnerungen

Ein Steilhang eines schroffen Gebirges und
weithin sichtbar aufgestellt
eine Fahne im Wind.
Ein gelber Fetzen,
der weithin kündet:
»Hier wohne ich, zum Ende
ausgebleicht.
Hier oben,
allein.«

Wer wollte die Beschwernisse des weiten Ganges,
des Steigens und Niedergehens und Steigens,
auf sich nehmen
nur für ein Windzeichen?
Weiß einer, ob sie noch lebt in ihrer armseligen Höhle,
diese Frau, die jetzt schon
so alt ist und
nur noch durch den Blick ihrer Augen
an die vergangene Schönheit erinnert?
Gesetzt, dass sie noch lebt.

So sahen wir also die Fahne
und blieben
in unseren sicheren Tälern.

Wir sahen hinauf.

»Hier wohne ich,
der Liebe
ausgebleichter Rest.«

De Mortuis

Während Rudolfo des Nachmittags in der Schlacht stand
und für die Ehre seines Vaterlandes focht,
stand Emanuel, sein Bruder, in der väterlichen Scheune
und beschloss die Resignation.
Rudolfo wurde getroffen
um Viertel vor vier
knapp oberhalb des linken Auges.
Emanuel brauchte länger, denn
er hatte Vorbereitungen zu treffen:
Ein Stuhl, ein Balken, ein Seil.
Rudolfo war mithin schon tot, als Emanuel
den Strick am Balken befestigt hatte und
sorgfältig die Knotenschlinge knüpfte.
Er sprang, als die Schlacht schon entschieden war.
Rudolfo siegte mit den Seinen.

Es lag nicht in Emanuels Verantwortung,
dass der Strick riss.
Sein Entschluss war fest und ehrlich gewesen.

Rudolfo verlieh man das Ehrenzeichen,
brachte ihn zum heimatlichen Friedhof, um ihn
mit militärischen Ehren
zu bestatten, den Orden auf dem Sarg.

Emanuel nahm,
ehe sie den Sarg des Bruders in die Erde senkten,
den Orden heimlich an sich.
Sonntag für Sonntag
steckt er ihn nun an und geht
über die Wiesen hinter dem väterlichen Gehöft.
Jeden, der ihm begegnet, fragt er:
»Habe ich diesen Orden nicht verdient?«
Alle ohne Ausnahme stimmen ihm zu
und gehen schnellen Schritts vorüber.

Die Schrift

»Verzeiht mir, Freunde,
dass ich euch belästige.

Ich weiß, es ist spät,
und die Läden eurer Fenster
sind schon geschlossen …«

So trat er, triefend vor Nässe,
vor seine Jünger.
Er schlug sich den Hut
mit einer verlegenen Geste auf
den rechten Oberschenkel
und sah zu Boden.

»Das Wetter ist schrecklich«, sagte er,
und die Jünger fanden,
ein solcher Satz sei eines Gottes unwürdig.
»Lieber hättest du, unser Gott,
dem Sturm ein Ende gebieten sollen,
statt dich in dieser Weise vor uns zu beklagen«,
sagte der Oberste Priester,
sein irdischer Stellvertreter,
und lachte verlegen.
»Sollen wir der Gemeinde verkünden,
du seist zu Fuß durch den Regen gekommen,
und der Schlamm an deinen Schuhen sei heilig?«

»Ich sehe, ihr wollt euch
darüber beraten, was zu tun sei«, sagte er.
»Ich werde solange vor die Tür gehen.
Holt mich herein, wenn ihr
zu einem Ende gekommen seid.«

Er wandte sich um und schloss leise die Tür.

»Was also sollen wir tun?«, fragte der Oberste Priester.
»Er ist unser Gott und wir müssen ihn aufnehmen«,
sagte ein anderer mit bedächtiger Miene.
»Und es kann sein, dass er
seine einstige Macht noch nicht ganz verloren hat«,
argwöhnte ein Dritter.

Sie kamen überein, dem Gott
vorübergehend Aufenthalt zu gewähren,
wenn er sie über die Auslegung
der schwierigen Stellen in den Heiligen Schriften belehre.
Jener Stellen, die sich ihrem steten Bemühen
bis zu diesem Tag widersetzt hatten.

So blieb der Gott und erklärte den Priestern
den Sinn der dunkelsten Sätze.
Als er damit geendet hatte,
sagten die Priester: »War uns die Bedeutung dieser Worte
jemals unklar? Nein, wir waren nur barmherzig,
und wir haben ihm Gelegenheit gegeben,
seinen Aufenthalt bei uns zu rechtfertigen.
Nun aber soll er wieder gehen, denn er ist ein Gott,
und in seiner Gegenwart fällt uns das Atmen schwer.«

An diesem Tag ging der Gott wieder fort,
und die Priester sahen ihm nach, als er
die glühende Straße entlang schritt.
Die Sonne brannte vom Himmel,
und jeder Schritt des Gottes wirbelte
den Staub der Straße empor.

Der Schöpfer

»Soll man der Form«,
fragte er den Schöpfer,
»Anteil an dem geben,
was erschaffen werden soll?«

Der Schöpfer antwortete:
»Die Form wird sein:
das ganz und gar Gewöhnliche.«

»Wie aber«, so fragte er verwirrt,
»kann das ganz Gewöhnliche
das neu Geschaffene bergen,
in dieser Stadt, die doch
auf ewig war und ist und sein wird?«

»Die Antwort auf diese Frage«,
sagte der Schöpfer,
ȟberlassen wir denen, die
die Stadt am Ende der Zeiten
bewohnen werden.«

Und versonnen setzte der Schöpfer hinzu:
»Denn du bist mein Sohn …«

Bücher – Alle meine Vorurteile

Werner Zillig & Volker Ladenthin:

Alle meine Vorurteile

  • Roman
  • Franz. Broschur
  • Erscheinungsjahr: 2021
  • ISBN: 978-3-930472-53-6
  • Preis: 19,80 Euro

Inhalt

Es war eine sehr spontane Idee im Dezember 2020: Warum nicht, statt sich gegenseitig Bücher zuzuschicken, lieber gemeinsam etwas schreiben? Zeitgemäß einen E-Mail-Dialog. Der Ausgangspunkt, ziemlich vage: Was sind heute die großen Probleme und wie würde ›jeder von uns beiden‹ mit seinen wissenschaftlichen Voraussetzungen und Mitteln diese Probleme analysieren?

Es beginnt in schnellem Wechsel das E-Mail- Gespräch. Ein Bild wird gefunden: Der eine, Volker Ladenthin, sprachkritisch, literaturverliebt und mit einem umfangreichen pädagogischen OEuvre im Rücken, spielt wissenschaftliches Golf. Der andere, Werner Zillig, spielt mit der Analytischen Philosophie als Hintergrund, wissenschaftliches Tennis.

Wie finden die beiden da zusammen? Sie treffen sich, indem sie, manchmal etwas atemlos, alles wechselseitig infrage stellen, analysieren und neu festzurren. Sie spielen Gold, sagen sie dann, wenn sie einen gemeinsamen Punkt gefunden haben. – Schwerpunktthemen: Argumentieren, Erzählen und Lesen, Geschichte. Und dann auch: Ping-pong – Vermischtes.

Auszug

Vorbemerkungen

Dieser umfangreiche Sach- und Namensindex und die de- taillierte Übersicht über alle E-Mail-Überschriften mit Verfasser- und Datumsangabe, abrufbar als PDF-Datei auf der Homepage des Verlags, wurde in dem Buch angekündigt. So kann man Textstellen schneller wiederfinden.

Die Übersichten werden hier ergänzt durch zwei zusätzliche Texte der Verfasser. Die Art dieser Texte war voll- kommen freigestellt. Die Voraussetzungen waren diese: Immer, wenn man ein Buch geschrieben hat, fragt man sich, ob man nicht das Wichtigste vergessen hat. Uns ging es auch diesmal, nach 472 Seiten, nicht anders. Also gaben wir uns ein paar Seiten, um auch diese Frage noch zu beantworten: Was haben wir vergessen? Werner Zillig stellte fest, dass das Thema ›Glück‹ in diesem umfangreichen Buch eigentlich nie ein Thema ist, Volker Ladenthin kam zuerst aufs Wohnen und die soziale Frage.
Anschließend ging die Fortschreibung des Romans so: »Werner fing an, Volker verlor sich in Einzelheiten, und kam anschließend geläutert zurück auf den Pfad der Tugend, also den Mechanismus des Vorurteile-Buches: Ping-Pong. Aufschlag-Annahme.«
Und Return? Nein, dann wäre ein neues Buch entstanden. Das gibt es erst nächstes Jahr. Oder übernächstes Jahr. Oder noch später. Wenn wir Glück haben.
Wir haben uns entschlossen, einige Exemplare dieses Beihefts auch als Papierfassung drucken zu lassen. Es kann auf dem normalen Weg über Buchhandlungen und Online-Anbieter bezogen werden.

W. Z.                                                                  V. L.

Werner Zillig

Glück

1. Wie ›das Glück‹ zum Thema wurde

Das Index-Einrichten bei einem Buch ist eine Tätigkeit, die sich hinzieht und Zeit für Nebenüberlegungen lässt. Mir ist da die Frage mehrfach in den Sinn gekommen: Was wurde mit diesem sehr locker aufgebauten Buch eigentlich gewonnen? Die Antwort war: Es hat verkrustete Gedanken gelockert. Vielleicht bin ich jetzt sogar in der Lage, in einer kurzen, gut lesbaren Form meine gegenwärtige Argumentationstheorie darzustellen? Die wirklich ein paar ganz neue Dinge beinhaltet. Wie viele Anläufe habe ich da gemacht! Die allesamt danebengegangen sind. Und jetzt? Es besteht Hoffnung, immerhin.
Dann habe ich eines Morgens in der Zeitung die Meldung gelesen, dass es neue Forschungsergebnisse in der Frage nach dem Zusammenhang von Lebensalter und Glück gibt.1 Ich verfolge diese Frage schon seit ein paar Jahren: ›In welchem Lebensjahr sind die Menschen – in den unterschiedlichen Regionen der Welt – am glücklichsten?‹ Dann habe ich auf einmal überlegt: Wo haben wir eigentlich in unserem Dialog von Glück gesprochen? In den Überschriften der Mails und im Index kommt das Wort nicht vor! Im Index: Globalisierung und dann Go (Spiel). Da ist sie, die Glück-Lücke!
Habe ich beim Index-Machen etwas übersehen im Text? Das könnte ja vorkommen. Ich setze die Suchfunktion ein und gehe den gesamten Text noch einmal durch. Nein, Glück ist kein Thema, Unglück schon. Und wenn es um Glück geht, dann gebrochen, sehr gebrochen. Auf Seite 136: Demente Bewohner eines Altenheims sind glücklich, wenn sie an einer fingierten Bushaltestelle warten dürfen, an der nie ein Bus ankommt. »Sie fühlen sich besser, als wenn man ihnen sagte: ›Hier kommt kein Bus. Sie müssen nicht mehr zur Arbeit. Ihr Sohn wird Sie nicht besuchen kommen.‹ So sitzen sie glücklich in sich versunken und warten geduldig am kurzen Pfahl des Augenblicks den ganzen Tag auf den Bus, der nicht kommen wird.« Ist das gemeint, wenn wir von Glück reden?2


1
Martin Franke: Lebenszufriedenheit. Wann ist die beste Zeit des Lebens? (FAZ 26.04.202. (Online)). – »Werden die Menschen mit dem Alter doch unglücklicher? – Bisher versprachen viele Wissenschaftler: Im Alter kommt das Beste. Nach anstrengenden Jahren in der Mitte des Lebens wird man immer glücklicher. Doch an dieser U-Kurve äußern Forscher jetzt Zweifel.«
2
Ich habe hier die umfangreichen linguistisch-technischen Erklärungen, die in der ersten Fassung standen, sämtliche gestrichen. Ich hoffe, dass dieser kurze Abhandlung der Anfang ist zu etwas, was ich vor Jahren schon einmal ›Semantische Essays‹ genannt habe: interessant und allgemeinverständlich formulierte Wort- und Begriffsanalysen, die zum Nach- und Weiterdenken anregen.

2. Die Bedeutung von ›Glück‹

Will jemand anzweifeln, dass das Wort Glück eine klare und sogar: leuchtend klare Bedeutung hat? Wenn es doch in der Einleitung der ›Declaration of Independence‹ der USA aus dem Jahr 1776 feierlich heißt:

We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.

Aus sich heraus und ohne weitere Erklärung soll da etwas gültig sein! Menschen sind gleich geschaffen. Sie haben Unveräußerliche Rechte. Ein Recht auf Leben und auf auf Freiheit. Und: nicht auf Glück also solches, sondern ein ›Streben nach Glück‹.1
Damit wissen wir zwar noch nicht, was Glück ist, wohl aber, dass man ausweislich eines großen Texts versuchen kann, Glück zu erreichen. Und es gibt auch einfache Beispiele. In einem Film aus dem Jahr 2006, Titel: ›The Pursuit of Happyness‹, wird ein Mann, der obdachlos war, nach einem unbezahlten Praktikum in einer Brokerfirma angestellt, arbeitet sich hoch und schafft es, Millionär zu werden. Glück als Kontrast zum Unglück. Unglück überwinden und Geld haben, zwei Dinge, an die wahrscheinlich viele Menschen denken, wenn von Glück die Rede ist.
Und jetzt natürlich die obligatorische Frage: Ist das alles? Glück ist die Abwesenheit von Unglück, und was Unglück ausmachen kann, wissen wir doch mehr oder weniger genau, oder? Krankheit, Arbeitslosigkeit, Besitzlosigkeit und die Folgen: kein ›normales Leben‹ führen können. Normales Leben? Ein Einkommen und kleineren oder größeren Besitz haben. In der Folge dann Wohnen, Kleidung, kleine oder auch mal größere Luxusdinge.
Kinobesuch, Urlaub machen, verbunden mit Reisen. Ach, und: soziales Leben. Freunde haben und die hin und wie- der auch mal einladen.
Ist Glück so? So normal? Ist man nicht, wenn man in gesicherten Verhältnissen lebt, wie man so sagt, nicht einfach nur – zufrieden, und ist also glücklich sein nicht doch mehr?


1
Ich war, um ehrlich zu sein, überrascht, dass die Bundeszentrale für politische Bildung einen eigenen Artikel vorhält, der sich mit Glück beschäftigt und das Wort mit der ›Erlebnisgesellschaft‹ ver- bindet. (Thomas Müller-Schneider: Die Erlebnisgesellschaft – der kollektive Weg ins Glück? (Online). – Die Gesamtsuche fördert dann 17 Artikel der BPB zu Tage, die sich mit dem Stichwort Glück beschäftigen. (Online))

Bücher – Das Mädchen

Werner Zillig

Das Mädchen

  • Roman
  • Franz. Broschur
  • Erscheinungsjahr: 2018
  • ISBN: 978-3-930472-05-5
  • Preis: 17,00 Euro

Inhalt

Was war das für ein Leben, das die junge Schauspielerin Helga Anders führte! Sie wurde rasch berühmt, sie wurde verehrt, sie war das Mädchen am Ende der 1960er Jahre. Dann wandte sich die Welt von ihr ab. Ihr Tod 1986 war ein einsamer Tod.
Das vorliegende Buch ist keine Biographie, die das Leben von Helga Anders nachzeichnet. Es ist ein Roman, in dem sich Träume und Realitäten mischen. Zu einer Wirklichkeit, die am Ende in einer Überraschung aufglüht und dann – erstarrt und bleibt.

Über die Herkunft und das Leben der Münchener Schauspielerin Helga Anders (1948-1986) ist wenig bekannt. Nach ihrem Tod wurde Helga Anders rasch ein Teil eines allgemeinen Filmmuseums, das die grundlegenden biographischen Daten aufbewahrt, ohne sich um das Leben hinter den Geschichten zu kümmern. Die vorliegende Romanbiographie bringt Reales und Erfundenes zusammen: Zwei Männer, die beide in einem dunklen Hintergrund verbleiben, erforschen das Leben von Helga Anders und stellen dieses Leben dar. Oft entlang an bisher unbekannten Begebenheiten. Der Roman endet über ein Vierteljahrhundert nach dem Tod der Schauspielerin und dieses Ende bringt eine große Überraschung.

Auszug

Peter Pan

26. Dezember 1962. Am zweiten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1962 sitzt ein blasser Junge allein an einem Wohnzimmertisch. Es ist die Wohnung seiner Schwester und seines Schwagers, im zweiten Stock, oben im Bahnhof. Vor der Wand, über den Tisch hin, sieht der Junge auf den neuen Fernseher. Das Fernsehbild ist klein und natürlich schwarz-weiß. Ein Film beginnt. Es ist die Geschichte von Peter Pan. Ein dunkelhaariger Junge und ein Mädchen spielen die Hauptrollen in dieser Geschichte. Die Stimme des Mädchens ist, das fällt dem Jungen gleich auf, wie zerbrochen. Die Stimme besteht aus einer Unter- und einer Oberstimme. Das Mädchen steht mit dieser Stimme neben sich selbst und ist von einem Geheimnis umgeben.

Der dunkelgelockte Junge aus dem Film heißt im richtigen Leben Michael Ande. Das Mädchen heißt Helga Anders. Wie mag das schöne Mädchen mit der zerbrochenen Stimme in diese Bilder hineingekommen sein? Wie kommt ein Mädchen mit dreizehn, vierzehn Jahren in diesen Film, in diese Geschichte? Wer ist dieses Mädchen, fragt sich der Junge.

Von diesem Tag an wird der blasse Junge das Mädchen nie mehr aus den Augen verlieren.

Den Hang hinauf

28. Januar 1912. Katharina Gandorfer sieht vor sich in der Morgendämmerung die Schneewellen. Der Hang steigt recht steil an. Über Nacht hat es viel geschneit. Es schneit immer noch, und es liegt eine eiskalte Luft in der Talsenke. Katharina sinkt mit jedem Schritt bis zu den Hüften ein. Oben auf der Straße wird der Wind den Schnee weggeweht haben, hofft sie. Dann kommt sie schneller voran.

Sie will nach Marzling hinein. Dort wartet der Albert in seinem Wagen auf sie. Sie werden weiter ziehen. Sie wird das Kind von dem Albert bekommen. Sie will das armselige Leben in dem geduckten Häuschen dort unten nicht mehr. Eigentlich ist es ja nur eine Hütte, ein Stück weit vom Bauernhaus entfernt. Bettelarm sind sie nicht, die Gandorfer. Es gibt Leute, die schlimmer dran sind. Sie haben zwei Kühe und zwei Schweine im Stall neben der Küche. Tagelöhner ist der Vater trotzdem. Das eigene Vieh versorgt er am Abend und am Morgen, bevor er zum Bauern rübergeht. In den Nachbardörfern sagt der Vater aber, dass er Bauer ist.

Der Konrad, der Sohn vom richtigen Bauern, von dem Bauern, zu dem der Vater geht – der Konrad hat sie haben wollen. Sie haben miteinander im Heu gelegen, das schon. Drei Jahre lang. Dann hat der Konrad aber doch die Hobmeier Maria aus dem Nachbardorf genommen. Wahrscheinlich wollt er sie eh nur ins Heu bekommen. Heiraten hat er immer eine richtige Bauerntochter wollen. Der Vater von der Maria hat einen großen Bauernhof. So ist das halt. Das hat gezählt, der Bauernhof. Gottseidank hat sie kein Kind bekommen von dem Konrad.

Am 24. November ist sie geboren, im Jahr 1883. Ihr Vater hat sie angeschrien, dass sie eine alte Jungfer sein wird in ein paar Jahren. Weil sie sich den Konrad eingebildet hat, der sie dann sitzengelassen hat. Seit die Leut dem Vater erzählt haben, dass sie aus dem Wagen vom Albert gekommen ist, hat er sie ein paarmal ›Du Hur!‹ genannt. ›Mit dem Scherenschleifer machst du rum!‹, hat der Vater gesagt. Aber da hatte der Vater schon Bier getrunken.

Sie ist froh, dass der Albert sie gewollt hat. Er ist ein fescher Mann. Einen wilden Blick hat der. Das gefällt ihr. Manchmal, wenn der Albert ein paar Bier getrunken hat, ist er gut aufgelegt und lacht viel. Das hat sie gern. Der Albert ist nicht wie der Vater, der immer herumschreit, wenn er Bier getrunken hat.

Sie sieht die Schneewehen im Hang, die jetzt blasser werden. Es wird hell. Ihre Beine sind nass vom Schnee. Die Mutter und der Vater werden bald aufwachen, überlegt sie. Der Vater hat sich noch einmal hingelegt, als das Vieh versorgt war. Sie hat ihn gehört und war ganz aufgeregt. Sie werden bald aufstehen und in die Kirche gehen. Da werden sie dann sehen, dass ihr Bett leer ist. Sie will nie mehr zurück. Nicht mehr zurück in dieses Leben.

Heiraten wollt er sie, der Albert. Aber sie hat gelacht und gesagt, dass sie auch so zusammenleben können. Das hätt so leicht keine andere aus dem Dorf gesagt. Bald wird sie im Wagen sein und dann wird sie die Strümpfe und den Rock ausziehen und trocknen. Sie ist halt eine Wilde. ›Eine ganz eine Wilde bist du!‹, hat der Albert gesagt. Sie war sich nicht sicher, wie er das gemeint hat, der Albert. Er wird gleich auf dem Kutschbock sitzen, und sie werden weiterfahren. Weg von hier. Bloß weg aus diesem Dorf.

In einem Wohnwagen

2. Juli 1912. Katharina liegt da, im Wohnwagen. Sie ist schweißnass. Es war eine anstrengende Geburt. ›In deinem Alter geht das nimmer so leicht«, hat die Troll Maria, die Hebamme aus Mengkofen, zu ihr gesagt. Dann hat die Maria den Albert angeherrscht, er soll endlich heißes Wasser bringen. ›Press halt!‹, hat die Maria gesagt, und dann: ›Jetzt stell dich nicht so an!‹ Die Maria ist dann gleich zum Standesamt gelaufen und hat das Kind eintragen lassen. ›So wie es sich gehört‹, hat die Maria gesagt. Katharina schaut sich den Geburtsschein an, den die Hebamme mitgebracht hat. Etwas stört sie schon. Obwohl es ja wahr ist. ›… daß nachmittags um fünf Uhr ein Mädchen geboren worden sei und daß das Kind den Vornamen Berta erhalten habe‹, das will ihr noch eingehen. Das ist ja wahr so. Aber dass das Kind ›von der ledigen Katharina Gandorfer, ohne Beruf, beheimatet in Marzling bei Freising, katholischer Religion, vorübergehend in Ettenkofen, zu Ettenkofen, in einem Wohnwagen‹ auf die Welt gekommen ist. Mussten die das hinschreiben oder ist das die schiere Bosheit? ›In einem Wohnwagen!‹ Überall ist das so, dass die Leut bösartig sind in solchen Angelegenheiten. Das hätten die in Marzling genauso gemacht. Genauso hätten die das gemacht. ›In einem Wohnwagen!‹ Zigeuner halt. Scherenschleifer.

Heinrich

23. Dezember 1935. Berta hält es nicht lange an einem Ort. Seit sie siebzehn ist, zieht sie herum und schlägt sich durch. Meistens als Kellnerin. Wenn es ihr irgendwo nicht mehr passt, dann zieht sie weiter. Geht in ein Wirtshaus und fragt den Wirt, ob er nicht Arbeit für sie hat. Sie kann putzen, bedienen. Vor allem gut bedienen. Die Wirte schauen sie an. Ein schönes Weib ist die! So a richtig resches und fesches Weib! Sie kann die Gedanken bei den Wirten auf der Stirn sehen. Ganz genau kann sie die Männergedanken sehen. Einerseits, denkt der Wirt immer, könnt das ja vielleicht was werden mit der zukünftigen feschen Bedienung. Und außerdem ist es gut fürs Geschäft, wenn ein Madl so ein bildschönes Gesicht hat. Die Männer trinken gleich mehr, wenn da so ein junges Ding ist, das das Bier an den Tisch bringt.

Dann ist sie halt in die Berchtesgadener Gegend gezogen. In den aufregenden Zeiten, als der Hitler gerade angefangen hat in Berlin. Auf einmal sind da große Herren aufgetaucht, vor einem Jahr. Die sind rauf auf den Obersalzberg und haben beim Führer vorgesprochen. So machen die das heute noch. Manche, die da nicht so vornehm sind, kommen dann auch in ihre Wirtschaft. Der Gasthof ›Nonntal‹ war schon immer bekannt für seine gute Küche. Die Frau Haslinger kocht aber auch zu gut. Das sagen alle. Auch die feinen Herrschaften. Die kommen dann und erzählen, dass sie oben beim Führer waren. Dass das ein ganz feiner Mensch ist, der Führer. So menschlich. Ja, das sagen alle. Aber auch – so hat das der Heinrich einmal gesagt, als sie sich schon gut gekannt haben – auch unnahbar sei er, der Führer. Wie aus einer anderen Welt. Das müsse man aber auch verstehen. Wo der doch mit den Großen der Weltgeschichte verkehrt.

So ist der Heinrich zum ersten Mal gekommen. Der Heinrich war ein Wichtiger, das hat sie als erfahrene Bedienung sofort gesehen. Aber komisch war das dann schon, dass der Heinrich sich gleich, kaum dass er sie gesehen hat, ihr so förmlich vorgestellt hat. Aufgestanden ist er und hat gesagt: ›Heinrich Hoffmann aus München, mein Fräulein.‹ Sonst hat er nichts gesagt. Er hat auch nicht, wie manche das tun, die Hacken zusammengeschlagen. Dass der Heinrich so freundlich und zivil war, das hat ihr gefallen. Aber natürlich hat sie von der Frau Haslinger dann gleich erfahren, wer der Herr Hoffmann in Wahrheit war. ›Das ist der Fotograf vom Führer!‹, hat die Frau Haslinger gesagt. ›Ein ganz ein wichtiger Mensch ist das, das kann ich dir sagen! Dass du mir ja freundlich zu dem bist, zu dem Herrn Hoffmann!‹

Es ist halt eins zum andern gekommen. So ist das ja immer. Eines Tages hat der Heinrich gesagt: ›Ich übernachte heute hier. Es ist ja zu spät, um noch nach München zu fahren. Meine Zimmertür steht fai offen. Gell, Berta!‹ Und dabei hat er sie angefasst. Aber nur ein ganz klein wenig. Kurz hat er sie an sich gedrückt. Es ist ihr ein Schauer durch den Körper gegangen. Durch und durch ist es ihr gegangen. Sie hat in dem Moment einfach gewusst, dass sie in der Nacht zum Zimmer von dem Herrn Hoffmann gehen wird. Weiter hat sie nicht gedacht.

Dann, im Zimmer, hat der Heinrich eine Flasche Sekt da stehen gehabt, und er hat erst einmal nichts gesagt. Sie auch nicht angefasst. Er hat zwei Sektgläser gefüllt, und sie musste in dem Moment daran denken, dass die Frau Haslinger, die früher im Ausland Köchin gelernt hat – die Frau Haslinger sagt immer: Sektkelche. Wenn sie dann selbst ein Glas getrunken hat, sagt die Frau Haslinger: un altro flute. Ein schönes Wort ist das: flute. Wie das klingt!

Dann hat der Heinrich ihr den Sektkelch in die Hand gegeben, hat selbst sein Glas genommen und hat mit ihr angestoßen. Nachdem sie den ersten Schluck getrunken hatten, hat der Heinrich gesagt: ›Weißt du, was heute für ein Tag ist?‹

Sie ist verlegen geworden, und weil sie verlegen war hat sie gelacht: ›Heut ist der 12. September.‹

›Ganz recht‹, hat der Heinrich gesagt. ›Und heute, am 12. September anno 1935, ist mein fünfzigster Geburtstag. Ich würde mich freuen, wenn du mit mir darauf anstößt, Berta.‹

Sie haben ihre Gläser getrunken, haben sich gesetzt, und der Heinrich, das hat sie erst da richtig gesehen, war irgendwie ganz durcheinander. Er hat ihr dann aber gleich erklärt, warum er so durcheinander war. Der Führer hat ihn an diesem Tag auf den Berghof bestellt. Weil eine wichtige Persönlichkeit da sei und es Fotos zu machen gelte. Gestern – der Führer hat kurz und knapp am Telefon gesagt: ›Es gilt einige Fotos von einer wichtigen Persönlichkeit zu machen, Herr Hoffmann! Bitte seien Sie doch pünktlich um zwölf Uhr hier auf dem Berghof.‹ So etwas ist dann natürlich ein Befehl und ich bin gefahren. Dann, als ich angekommen bin, hat der Führer gesagt: ›Wissen Sie denn, Hoffmann, wer die wichtige Persönlichkeit heute ist? Sie sind es! Und heute werden Sie fotografiert. Meinen Glückwunsch zum fünfzigsten Geburtstag, Hoffmann!‹ Dann hat er sich neben mich gestellt und ein SS-Mann hat schon einen Fotoapparat in der Hand gehabt und drei Fotos gemacht. ›Zu mehr als einer kleinen Jause reicht es leider nicht, Herr Hoffmann. Ich muss dann gleich nach Berlin. Wichtige Dinge halt. Sie verstehen.‹ Ich hab kaum rausgebracht: ›Jawohl, mein Führer!‹ So gerührt war ich. Und der Führer hat gesagt: ›Nur nicht so förmlich, Hoffmann. An
Ihrem Ehrentag. Kommen Sie!‹

Sie war dann auch ganz durcheinander. Und sie ist beim Heinrich geblieben in dieser Nacht.

Er ist drei Wochen später wiedergekommen. Dann nach zwei Wochen wieder. Und immer ist sie die Nacht über bei ihm geblieben. Morgen ist Weihnachten, und sie hat jetzt ein Kind unter dem Herzen. Dem Heinrich hat sie es noch nicht gesagt. Dass er ihr Vater hätt sein können, der Heinrich, mit seinem Alter, das hat sie ja immer gewusst. Sie will warten bis zum neuen Jahr. Im Januar irgendwann muss sie es ihm dann aber sagen, das mit dem Kind.

Ihrer Enkelin Leslie erzählt Berta, die Großmutter, später, dass sie mit Heinrich Hoffmann verheiratet gewesen ist. In zweiter Ehe. Als sie dann geschieden worden sind, habe Hoffmann den gemeinsamen Sohn adoptiert. Natürlich hat die Enkelin etwas geahnt. Etwas konnte da nicht stimmen. Wie aber ist Berta Feierer auf die Idee gekommen, von Hitlers Fotografen Heinrich Hoffmann zu erzählen und vorzugeben, sie sei mit ihm verheiratet gewesen, und sie hätten einen Sohn gehabt?

In den klaren Worten der Verwaltungssprache sagt das Stadtarchiv München: »In den hier vorliegenden Melde und Personenstandsunterlagen finden sich keine Hinweise auf eine Verbindung von Bertha Feierer, geb. am 2. Juli 1912 in Ettenkofen, mit Heinrich Hoffmann. Im Sterbregistereintrag ist seine Ehefrau Erna Gröbke genannt, die Sterbefallanzeige des Krankenhauses enthält keine Hinweise auf Nachkommen. In der Meldekarte, die aufgrund noch geltender Schutzfristen nicht vorgelegt werden kann, sind zwei Nachkommen genannt, welche aufgrund ihrer Geburtsjahrgänge (1913 und 1916) nicht für Ihre Recherche in Frage kommen. – Laut Meldekarte war Heinrich Hoffmann zwei Mal verheiratet, seine erste Ehefrau starb am 11.08.1928 in München.«

Immer wieder diese zwei Schreibungen: Bertha und Berta. Alle hätten sie immer nur Bertl genannt, hat Roger Fritz gesagt.